„Die Psychiatrie-Erfahrenen sind aktiver Teil der Psychiatriereform in Rheinland-Pfalz“
Franz-Josef Wagner
Diese Aussage machte Frau Roswitha Beck, Kuratoriumsvorsitzende des „Vereins zur Unterstützung Gemeindenaher Psychiatrie in Rheinland-Pfalz“, am 26. September 2003 anläßlich unserer 7. Fachtagung mit dem Thema: „Psychotherapie auch bei Psychosen“.
Was Frau Roswitha Beck dazu veranlasste, diese Aussage zu machen möchte ich im Folgenden darstellen:
Am 27. November 1995 veröffentlichte die Landesregierung, im Gesetz- und Verordnungsblatt für das Land Rheinland-Pfalz, das Landesgesetz für psychisch kranke Menschen (PsychKG) vom 17. November 1995. Hier wird im zweiten Teil, § 6, ausführlich auf ehrenamtliche Hilfen und Selbsthilfe eingegangen: „Ehrenamtliche Hilfen einschließlich der Angehörigenarbeit sowie Projekte der Selbsthilfe sind in die Versorgung psychisch kranker Personen einzubeziehen. Soweit dies deren Wünsche entspricht, haben diese Vorrang vor öffentlichen Hilfen.“ Diese Aufforderung hat die Psychiatrie-Erfahrenen Mainz animiert, am 30.03.1996, ein Vortreffen zur Gründung des Landesverbands Psychiatrie-Erfahrener Rheinland-Pfalz e.V. zu organisieren. Von 21 anwesenden Personen haben sich 16 für einen eingetragenen Verein entschieden. Sechs Wochen später am 18.05.1996 hat die Gründungsversammlung im Mainzer Rathaus mit 23 Gründungsmitglieder aus Mainz, Landau und Trier stattgefunden. Acht Jahre später sind wir auf eine Zahl von etwa 150 Mitglieder und 25 personelle bzw. institutionelle Fördermitglieder angewachsen.
Die Mitglieder des ersten Vorstandes hatten im Frühjahr 1997 die ersten Psychose- und Bioethik-Seminare organisiert und unter der Schirmherrschaft von Frau Roswitha Beck am 20. September 1997 die Fachtagung „Alternativen in der Akutpsychiatrie – Soteria“ vor 120 internationalen Gästen durchgeführt. Psychiatrie-Erfahrene, Psychiatriekoordinatoren, Pfleger, Schwestern und Angehörige diskutierten die Beiträge von Staatssekretär Klaus Jensen und anderen. Dieser überwältigende Erfolg hat uns bis heute zu einer jährlichen Fachtagung animiert. Die Dokumentationen der nachfolgenden Fachtagungen: „Krisenintervention im ländlichen Raum“, „Neue Wege zur Arbeit für psychisch Kranke – Integrationsfirmen“, „Empfehlungen zur frauengerechteren Psychiatrie“, „Beschwerdemöglichkeiten und andere Rechte psychisch Kranker“, „Strategien gegen wiederkehrende Depressionen“ und „Psychotherapie auch bei Psychosen“ können noch bei uns bestellt werden. Neben den überregionalen Themen versuchen wir durch die Veranstaltung in den verschiedenen Kommunen des Landes auf die Existenz der politischen und sozial-psychiatrischen Strukturen der Gemeindepsychiatrie aufmerksam zu machen. Aus diesem Grund gehen wir auch in abgelegene Regionen des Landes mit der Veranstaltung unserer Fachtagung, um auch Betroffene in Randgebieten zu erreichen.
Neben dieser jährlichen Veranstaltungen geben wir seit 1998 ein Jahresjournal „Leuchtfeuer“ heraus. Unsere Mitglieder und Fördermitglieder erhalten dieses Journal kostenlos. Auf über 140 Seiten wird die Gremien- und Vorstandsarbeit , dargestellt, Erfahrungsberichte von Betroffenen wiedergegeben und was an Interessantem von den Regionen und überregional psychiatrisch zu vermelden ist. Alljährlich wird aus gegebenen Anlass ein Schwerpunktthema ausgewählt, das besondere Beachtung findet. Die Auflage des Journals ist in den Jahren von 150 auf über 500 gestiegen. Im Jahr 2004 ehrte uns der Ministerpräsident Kurt Beck mit einem Grußwort im „Leuchtfeuer“ und stellt nochmals heraus:
„Für mich besonders beeindruckend war in dieser Reform, dass die Psychiatrie-Erfahrenen und die Angehörigen psychisch kranker Menschen von Anfang an sich aktiv an diesem Reformprozess beteiligt haben.“
Schon im Vorfeld für die Gründung des Landesverbandes waren sich die Akti-visten einig, auch politisch aktiv zu sein. Der Ende 1995 ins Leben gerufenen Landespsychiatriebeirat und der Ständige Arbeitskreis berät die Landesregierung in grundsätzlichen Fragen der Planung der psychiatrischen Versorgung. Seit dieser Zeit sind wir hier mit zwei Psychiatrie-Erfahrenen vertreten. Mittlerweile arbeiten wir in folgenden Gremien mit: Landesbeirat zur Teilhabe behinderter Menschen und seinen Arbeitsgruppen, „Verein zur Gemeindenahen Psychiatrie in Rheinland-Pfalz e.V.“, der Fachgruppe Psychiatrie der Liga der Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege und Netzwerk „Selbstbestimmung und Gleichstellung“ und seinen Arbeitsgruppen. Ein Mitglied ist vom Minister in die Besuchsgruppe Forensik berufen worden und ein weiteres wurde von der „Aktion Psychisch Kranke – Vereinigung zur Reform der Versorgung psychisch Kranker e.V.“ – zur Mitarbeit im Projekt „Implementierung des personenzentrierten Ansatzes in der psychiatrischen Versorgung Rheinland-Pfalz“ berufen. Seit 1996 sind wir im erweiterten Vorstand des Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrener vertreten. Zwischenzeitlich sind wir in die Verbände „Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband“ und „Landesarbeitsgemeinschaft Rheinland-Pfalz Selbsthilfe Behinderter e.V.“ eingetreten. Zusätzlich sind einige Psychiatrie-Erfahrene der Ortsgruppen in die regionalen Psychosozialen Arbeitsgemeinschaft (PSAG) und Psychiatriebeiräte berufen worden. Hier versuchen wir die Präambel der Satzung des Landesverbandes zu verwirklichen „... sich auf Orts-, Kreis- und Landesebene zusammen zu schließen, um ihre Sichtweisen und Erfahrungen mit psychiatrischen Strukturen in Rheinland-Pfalz in allen ihren Formen zum Ausdruck zu bringen, eigene Ziele und Forderungen in der Öffentlichkeit zu formulieren und ihre Interessen durchzusetzen.“.
Hatten wir 1996 erst drei Selbsthilfegruppen sind es Ende 2003 über 40 uns bekannte Selbsthilfegruppen, deren Themen z.B. sind: Angst, Depressionen, bipolare Störungen, Schizophrenie, Eßstörungen usw. Wir unterstützen diese Gruppen finanziell, informativ und logistisch. Wir stellen den Gruppen finanzielle Mittel zur Verfügung um z.B. soziale Integrationen zur Verbesserung des Selbstwertgefühls zu erreichen und Informationsveranstaltungen durchzuführen. Die Ansprechpartner der Selbsthilfegruppen werden vom Landesverband über Versicherungsschutz für ehrenamtliche Arbeit, Anträge zur Finanzierung von Aktivitäten, Informationen aus der Gremienarbeit informiert und bei der Durchführung von Selbsthilfetagen unterstützt.
Zum Schluss ein Beispiel für die lobenswerte Arbeit einer Selbsthilfegruppe:
Diese Gruppe organisiert neben ihren regelmäßigen Treffen verschiedene monatliche Aktivitäten – von Workshops mit einem Clown über Brunchen bis zum Besuch von Tagungen.