15. Fachtagung

Thema: 
Werden die Falschen eingesperrt? Psychiatrie als politische Ordnungsmacht
Datum: 
08.09.2011
Ort: 
Alzey

 

Thema: „Werden die Falschen eingesperrt? Psychiatrie als politische Ordnung“

Der LVPE Rheinland-Pfalz e.V. hatte seine 15. Fachtagung, am Freitag, den 08.09.2011, in Alzey veranstaltet. Lesen Sie die Zusammenfassung dieser Veranstaltung aus historischer und aktueller Betrachtung der sozialen Psychiatrie von Franz-Josef Wagner "Nach zweijähriger Abwesenheit besuchte ich wieder eine Tagung des Landesverband Psychiatrie Erfahrener (LVPE) Rheinland-Pfalz e.V. Die Organisation der Tagung war wie die letzten 14 Jahre: Psychiatrie Erfahrene und Professionelle tragen ihre Beiträge vor und diskutieren. Nur diesmal waren die Monolog-Beiträge kürzer, nur 30 Minuten statt 45 Minuten. Das Thema: Werden die Falschen eingesperrt? Psychiatrie als Politische Ordnungsmacht fanden 30 Professionelle und 40 Psychiatrie Erfahrene sowie eine Oberstufe eines Gymnasiums so interessant das sie anwesend waren.

Renate Rosenau und Ruth Fricke hatten die Aufgabe über den historischen Teil – zum düsteren Kapitel der deutschen Geschichte – zu referieren. Frau Rosenau beschränkte sich auf Rheinhessen, die Klinik in Alzey, historisch aufzuarbeiten. Frau Fricke hatte ihr Referat mit: “T4-Opfer nicht vergessen! Aktuelle Entwicklungen bezüglich der Rehabilitation der “Euthanasie”-Opfer” überschrieben. Sie beschrieb wie sie sich zum 60. Jahrestage des “Euthanasie”-Erlass am 1.9.1999 in Herford die erste Gedenkveranstaltung für die Opfer von Patientenmord und Zwangssterilisierten im Nationalsozialismus in Herford organisierte. Seit 2002 kümmert Sie sich bundesweit um dieses Thema und hat 2002 mit der Lebenshilfe die erste bundesweite Gedenkveranstaltung in Berlin an der Tiergartenstraße 4 (T4) durchgeführt. Im Frühjahr 2005 gründete sich die “Nationale Kampagne zur Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen” heute “Aktionsbündnis Seelische Gesundheit” auf Initiative von Frau Fricke. Zur Zeit gehören dem Aktionskreis “T4-Opfer nicht vergessen” 25 Verbände an. Im Mai 2007 hat der Deutsche Bundestag die Ächtung des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses beschlossen. Am 17.1.2011 ist die finanzielle Gleichstellung der Opfer mit den Opfern des NS-Regimes beschlossen worden. Derzeit wird seitens der Bundesregierung an einer Beschlussvorlage zur Neugestaltung des Areals Tiergartenstr. 4 (T4) gearbeitet und es sieht so aus, dass die Forderung nach einem Informations- und Bildungszentrum real werden.

Neben dem kulinarischen Gulasch- und Gemüseeintopf konnten wir in der Mittagspause die Ausstellung von Frau Rosenau, in den Katakomben der Rheinhessen Klinik, anschauen. Eindrucksvoll konnte da der Vortrag von Frau Rosenau an Schautafeln nachvollzogen werden, wie die Entwicklungen in Alzey während der düsteren deutschen Geschichte verlaufen ist. Diese Ausstellung ist es Wert aus den Katakomben herausgeholt zu werden und um es einer breiteren Öffentlichkeit zu präsentieren.

Mit seiner Forderung: Ohne Psychiatrie durch die Krise, hat Dr. h.c. Peter Lehmann die Lebensziele vieler Psychiatrie Erfahrener beschrieben. Er stellte aus seinem Buch “Statt Psychiatrie 2” die Soteria, Offener Dialog und Krisenherberge vor, in dem er Vergleiche zur herkömmlichen Psychiatrie zog. Bei der Soteria bezog er sich auf Volkmar Aderhold und Peter Stastny “Soteria- eine alternative psychosoziale Reformbewegung”. Beim “Offenen Dialog” auf: Jaakko Seikkula und Brigitta Alakare. “Die Krisenherberge. Ergebnisse einer betroffenendefinierten Alternativen zur stationären Psychiatrie” von Jeanne Dumont und Kristine Jones waren die 3. Basis seines Vortrages.Übrigends, für seine Veröffentlichungen, seine bundes-, europa- und weltweiten Aktivitäten ist Dr. h.c. Peter Lehmann zum Fürsprecher vieler Psychiatrie Erfahrenen geworden, dafür erhielt er die Ehrendoktorwürde für “Außerordentliche wissenschaftliche und humanitäre Beiträge, für die Durchsetzung der Rechte Psychiatriebetroffener” von der Psychologischen Abteilung der Philosophischen Fakultät der Aristoteles-Universität Thessaloniki und am 5.9.2011 erhielt er noch das Bundesverdienstkreuz.

Maths Jesperson referierte über die UNO-Konventions Aktivitäten in Schweden.

Referatsleiterin für Psychiatrie und Maßregelvollzug des Ministeriums für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie Frau Dr. Julia Kuschnereit zählt einige Aktivitäten ihres Referat auf. Unter anderem kündigte Sie eine pharmaunabhängige Studie in Verbindung mit der Rheinhessen Klinik an und auch die Reformierung der Maßregelvollzugsrichtlinien.

In der anschließenden lebhaften Diskussion – die übrigens das vorgesehene Ende nicht einhielt – prallten die Fronten der Psychiatrie Erfahrenen und die der Profis aufeinander. Alles über alles konnten Psychiatrie Erfahrene und Profis zufrieden sein mit dieser lebhaften Tagung, da die Fronten der beiden Lager offen diskutiertet wurden."

Weitere Informationen zu der Veranstaltung finden Sie im Flyer (pdf).