Bericht zu „Zukunft der Werkstatt“
Margret Moravec
Vortrag am 13.3.2008 anlässlich der Tagung „Zukunft der Werkstätten für psychisch beeinträchtigte Menschen“
Ich möchte mich Ihnen erstmal kurz vorstellen. Mein Name ist Margret Moravec; ich bin 1. Vorsitzende des Werkstattrates der Caritas- Werkstätten und Werkstatträtesprecherin der Werkstätten aus dem westlichen Rheinland- Pfalz.
Ich bin seit sieben Jahren im Werkstattrat und konnte in dieser Zeit viele Erfahrungen sammeln, was die Kolleginnen und Kollegen so bewegt.
Für die heutige Veranstaltung habe ich meine Kollegen darüber befragt, was sie in der Werkstatt gut finden und auch so bleiben soll, sowie, was sie als negativ und veränderungswürdig betrachten. Es kamen sehr konkrete und detaillierte Antworten, die ich Ihnen hier vorstellen möchte.
Zuvor jedoch einige Hintergründe zum Lebensraum Werkstatt. Die Werkstatt ruht auf zwei Pfeilern: zum einen die Arbeit in den Arbeitsbereichen und dem Berufsbildungsbereich; zum anderen die sozialen und persönlichkeitsstärkenden Angebote. Zu diesen Angeboten zählt Sport mit einer Reihe von Möglichkeiten wie Krafttraining, Schwimmen, Fußball, Gymnastik u.a. mehr sowie einer Malgruppe, einer Theatergruppe und einer Meditationsgruppe. Die Malgruppe war schon auf einigen Ausstellungen vertreten, konnte eine Reihe von Bildern für gute Preise verkaufen und ist auch immer wieder im Behindertenkalender vertreten. Auch die Theatergruppe tritt zu diversen Aktivitäten auf. Zu bemängeln ist – das tritt auch in den Aussagen der Kollegen immer wieder zu Tage – dass immer noch keine Musikgruppe existiert, obwohl seit einigen Jahren schon ein großes Interesse daran besteht.
Meiner Auffassung nach könnte die Werkstatt noch bunter, vielfältiger sein. Z. B. hielte ich es für
wünschenswert, dass eine Gesprächs- und Diskussionsgruppe besteht; ebenfalls eine Gruppe, die sich mit gesunder Ernährung bzw. dem Abbau von Übergewicht befasst. Hier besteht eine relativ hohe Hemmschwelle, außerhalb der Werkstatt eine solche Möglichkeit in Anspruch zu nehmen.
Als positiv in der Werkstatt werden die sozialen Aktivitäten sowie die Festivitäten wie Weihnachts- und Faschingsfeier, Sommerfest , Betriebsausflug und Ferienfreizeit erlebt. Der monatliche gruppeninterne soziale Nachmittag wird z. T. als Zwang zum Mitmachen empfunden. Nicht jeder kann nachvollziehen, dass dies eine Gelegenheit ist, die Kolleginnen und Kollegen in einer anderen als der Arbeitsatmosphäre zu erleben. Positiv bewertet werden auch die getrennten Ruheräume für Männer und Frauen, die Bibliothek und die kostenlose Kleiderbörse. Dass die Werkstatt inzwischen rauchfrei ist, verschafft insbesondere Nichtrauchern mehr Aufenthaltsmöglichkeiten in gesünderer Luft. Für die Raucher wurde ein Raucherpavillon installiert, der rege genutzt wird.
Was den Lebensraum Werkstatt betrifft, so ist die Mehrheit schätzungsweise mit den Aufenthalts- und Erholungszonen zufrieden, wenngleich auch hierzu Wünsche geäußert werden wie ein zweiter Billardtisch oder ein Fernseher für die Pausen.
Einen recht großen Anklang findet auch das Essen in der Werkstatt. Mit Besorgnis blicken viele auf die sich ständig vergrößernde Werkstatt. Für psychisch Kranke stellt dies ein Problem dar, vor allem, wenn es zu räumlicher Enge kommt. Dies kann zu Aggressionen oder Depressionen führen.
Das Betriebsklima der Kollegen untereinander wird als gut empfunden; ebenfalls, dass es bei Problemen unterschiedlichster Art verschiedene Ansprechpartner gibt. Als sehr wohltuend wird die Möglichkeit der vielfältigen Kontakte untereinander gesehen. Dies beugt in sehr hohem Maße einer Vereinsamung vor. Das ist ein wichtiger Aspekt hinsichtlich dessen, dass viele vor dem Besuch der Werkstatt in relativer Isolierung gelebt haben. Das gute Betriebsklima wird auch darauf hin geschätzt, dass eine Reihe von Kollegen zuvor auf dem 1. Arbeitsmarkt Mobbing erlebt hatten; ebenso hohen Leistungsdruck; wohin gehend diese negativen Aspekte in der Werkstatt außen vor bleiben.
Der Umgang zwischen Angestellten und Beschäftigten wird im allgemeinen positiv bewertet.
Bemängelt wird jedoch, dass einige Angestellte zu Bevormundung neigen oder unzulässige Fragen nach dem Privatleben von Beschäftigten stellen. Dies erregt vereinzelt den Verdacht, bespitzelt zu werden.
Kritisiert wird von den Kollegen an erster Stelle der äußerst bescheidene Lohn. Viele leben daneben nur von der Grundsicherung oder kleinen Rente. Der Grundlohn sollte unbedingt angehoben werden. Viele Kolleginnen und Kollegen leben an der Armutsgrenze . Es ist nachvollziehbar, dass aufgrund des kärglichen Lohnes für einen Teil der Werkstattbesucher die Motivation zur Arbeit nicht eben hoch ist.
Die Entlohnung wird teilweise als menschenverachtend angesehen. Gefordert wird u.a. ein Mindestlohn von
7,20 € pro Stunde; mindestens jedoch 3 €. Auch sollte der Werkstattlohn nicht mit der Grundsicherung verrechnet werden.
Ebenfalls im Hinblick auf Preiserhöhungen für Getränke und Brötchen wird eine Lohnerhöhung gefordert. Diese Preiserhöhung trifft viele Kollegen stark. Vereinzelt wird bemängelt, dass die Löhne oft nicht korrekt sind, da häufig zu viele Stunden als Fehlzeiten abgezogen werden.
Gefordert wird aus dem Kollegenkreis teilweise ein Einheitslohn mit der Begründung, dass man für seine Erkrankung und dadurch häufigeren Ausfall bei der Arbeit, nicht noch bestraft werden darf mit minimaler Entlohnung. Die Thematik, ob Einheitslohn oder leistungsbezogenes Lohnsystem, wird z. Z. in der Werkstatt heftig diskutiert. Bzgl. der Lohnbewertung in der Werkstatt wird die Meinung vertreten, dass ein großer Aufwand betrieben wird mit einer Bewertung, in der es um geringfügige Beträge geht. Die Bewertung wird häufiger als zu streng empfunden, so dass Lohnkürzungen die Folge sind und zur Demotivierung führen. Ebenfalls wird gefordert, dass die Kollegen im Berufsbildungsbereich für geleistete Arbeit bezahlt werden sollen, da nicht alle Übergangsgeld erhalten.
Als erforderlich wird ebenfalls die Abschaffung der 299 €- Grenze für das Arbeitsförderungsgeld angesehen.
Dass die Arbeitsinhalte individueller gestaltet und insgesamt kreativere Arbeitsangebote bestehen sollen, trifft die Meinung verschiedener Kollegen. Fortbildungen mit Qualifizierungsmaßnahmen für bessere Chancen auf dem 1. Arbeitsmarkt sowie die konkrete Umsetzung von „Empowerment“ und „Recovery“ werden ebenfalls als notwendig erachtet.
Bei Führungen durch die Werkstatt mit neuen Interessenten wird immer wieder die Frage nach einer Ausbildung in der WfbM gestellt; ebenso die Frage nach einem kaufmännischen Bereich. Auf diese Fragen sollte die Werkstatt mit entsprechenden Angeboten reagieren.
Auch müsste aus meiner Sicht als Werkstattrat die Werkstatt stärkere Integrationsbemühungen zeigen. Ich hoffe, dass sich diesbezüglich durch die zukünftige Integrationsmanagerin etwas tut. Weiterhin mangelt es der Werkstatt an geeigneten Außenarbeitsplätzen. Sie sollte unbedingt mehr Kontakt zu Unternehmen in der Region pflegen, um hier möglicherweise geeignete Arbeitsplätze zu finden.
Generell sollte meiner Auffassung nach die Werkstatt stärker den Blick nach draußen richten durch z. B. gezielte Öffentlichkeitsarbeit. Dies scheint mir sehr von Nöten zu sein, auch um die bestehenden Vorurteile in der Gesellschaft gegen Werkstätten abzubauen und als Werkstatt ein gesundes Selbstbewußtsein auszustrahlen.
Die heute hier vorgetragenen Wünsche und Vorschläge der Kollegen sowie die Kritikpunkte sollen im Werkstattalltag aufgegriffen, überprüft und nach Möglichkeit umgesetzt bzw. verändert werden.