Beziehungsstörung beim Borderline-Syndrom
Da beim Borderline-Syndrom die guten bzw. die bösen Selbst- und Objektvorstellungen durch die Spaltung getrennt gehalten werden, besteht noch kein integriertes Bild von sich selber und den anderen. Durch die Aufrechterhaltung der Spaltung kann ein Borderline -Patient in der Beziehung zu einem anderen Menschen keine Kohärenz (Zusammenhänge) und Kontinuität erleben.
Da er die Gefühle Liebe und Haß, die ja zwei Seiten einer „Beziehungsmedaille“ sind, durch die Spaltung getrennt erlebt, kann er einen Menschen nicht als Ganzes wahrnehmen. Entweder haßt er die Person, dann ist sie total böse und er fühlt sich von ihr bedroht und versucht, sich zu distanzieren und die Beziehung zu vermeiden. Oder er liebt die Person, dann ist der andere ein total guter, idealisierter Mensch ohne Fehl und Tadel. Die Verschiebung der Wahrnehmung seines Gegenübers als gute oder böse Person kann in einem Gespräch mehrmals erfolgen. Oftmals wird auch ein Teil der Menschheit, der therapeutischen Gruppe, das Behandlungsteam im Rahmen der Spaltung als böse oder bedrohlich verdammt und ein anderer Teil als gut und nährend erlebt.
Das Beziehungsdilemma des Borderline-Patienten besteht darin, daß er, wenn er Nähe und Intimität mit dem „guten Segment“ seiner Persönlichkeit zuläßt, diese Nähe und Intimität nur bis zu einem gewissen Grad als positiv erlebt wird. Ab einer bestimmten Grenze fühlt er sich von dem anderen verschlungen und hat das Gefühl, daß er seine Eigenständigkeit, Autonomie und Identität in der Beziehung verliert. Dabei tritt eine tiefe Angst auf, die Angst des Ich-Verlustes oder der Vernichtung. In der Regel wird dann das „böse Segment“ aktiviert und der Patient erlebt den gleichen Menschen als bedrohlich und verschlingend. Er distanziert sich von ihm. Wenn aber die Distanz zu groß wird, dann entsteht eine Verlassenheitsangst, und das andere „gute Segment“ wird wieder aktiviert, und er versucht erneut sich anzunähern und sich anzuklammern, um die Angst vor dem Beziehungsverlust und die damit einhergehende Verlassenheitsdepression abzumildern.
Der Patient ist also zwischen symbiotischen Anklammerungstendenzen mit der einhergehenden Angst vor dem Ich-Verlust und der aggressiven Distanzierung verbunden mit der Angst vor dem Beziehungsverlust und der Verlassenheitsdepression hin- und hergeworfen. Er kann also nicht mit seinem Partner, aber auch nicht ohne seinen Partner leben. Aus diesem Grunde nennt man das Beziehungsmuster beim Borderline-Syndrom instabil-stabil, d.h. das einzige Stabile in der Beziehung ist die chaotische Instabilität.