Gegenübertragung beim Borderline-Syndrom

Die Beziehungsstörung des Borderline-Patienten zeigt sich in der Gegenübertragungs-Reaktion des Therapeuten. Dabei versteht man unter Gegenübertragung die bewußte und unbewußte Gefühlsreaktion des Therapeuten bezogen auf den Patienten. Genauso wie der Therapeut Einfluß auf den Patienten ausübt, um ihm zur Genesung zu verhelfen, so übt der Patient oft einen krankmachenden Einfluß auf den Therapeuten aus.

C.G. Jung spricht von einer Verbindung von Arzt und Patient, von einer Einheit, in der sich Gefühle ausgleichen. Der Therapeut teilt dem seelisch Leidenden etwas von seiner eigenen Gesundheit mit, während er selbst auch etwas von der Krankheit des Kranken abbekommt. Man bezeichnet dies als sogenannten reziproken Affekt.
Durch den Spaltungsmechanismus bedingt hat die Gegenübertragung einen abrupt wechselnden Charakter. Einmal fühlt man sich aufgerufen, die symbiotischen Bedürfnisse des Patienten zu befriedigen, dann plötzlich empfindet man eine intensive Aggression auf den Patienten, und man versucht, sich davor zu schützen, indem man ihn mit „Anstand“ zu seinem eigenen Besten loswerden will. Im Klinikjargon nennen wir dies die „emotionale Kneippkur“ (warm, kalt).

Durch den Abwehrmechanismus der projektiven Identifikation werden die Ich-Grenzen des Therapeuten unterlaufen, man hat den Eindruck, daß der Patient in die privaten, seelischen  Räume des Therapeuten eindringt, ohne daß man sich dagegen wehren kann. Das heißt, es fällt einem schwer, einen konfliktfreien Binnenraum in sich selbst aufrechtzuerhalten.
Deshalb ist eine ständige Supervision des Therapeuten unerläßlich, damit er sich aus dieser Verstrickung befreien kann.

Folgende Übertragungserlebnisse treten auf:

  • Das Gefühl der Hilflosigkeit gegenüber dem Patienten. Man erlebt, daß die Bedürfnisse des Patienten wie ein Faß ohne Boden sind.
  • Reaktive Wut auf das Gefühl des Erpreßt- und Ausgenutztwerdens.
  • Es kann zu einer masochistischen Unterwerfung unter die Forderung des Patienten kommen. Dabei zeigt der Therapeut eine übertriebene Schonung und unterdrückt den Ärger auf den Patienten. Hinter der infantilen, klammernden Abhängigkeit verbirgt sich ein sadistisches Kontrollbedürfnis des Patienten. Die immensen Abhängigkeitsbedürfnisse des Borderline-Patienten sind oft eine Verweigerung der Autonomie. Er verführt den anderen, ihn für schwach und hilflos zu halten, zwingt ihn, das zu tun, was er selber tun könnte.
  • Er kann mit Allmachtsphantasien reagieren. Der Therapeut glaubt dann innerhalb kurzer Zeit, dem Patienten in einer sogenannten Heilsbringererwartung helfen zu können, wozu die besten Experten Jahre brauchen.
  • Innere Distanzierung des Therapeuten. Der Therapeut bringt in der Heilsbringerhaltung einen totalen Einsatz für den Patienten und beide richten sich in einem Rückzug von der Realität auf einer „einsamen Therapeuteninsel“ ein.