Individuelle Hilfeplanung und Persönliche Budget in Rheinland-Pfalz
Franz-Josef Wagner
Fortbildung zum Werkstattseminar „Wir gehen doch nicht ins Bett, nur weil Dienstschluss ist “ – Praxis und Weiterentwicklung von Menschen mit Behinderung des DCV vom 24-.-27.01.2005 in Bonn
Ich habe meinen Vortrag in sechs Punkte gegliedert. Nach der persönlichen Vorstellung werde ich einige Worte zur historischen Entwicklung sagen, bevor ich näher auf das Persönliche Budget in Rheinland-Pfalz eingehe. Die Betrachtung in Rheinland-Pfalz beginne ich mit der Beschreibung des Ablaufs der Beantragung und den ersten Ergebnissen aus der Modellphase. Die Daten aus einer Großstadt in Rheinland-Pfalz und die Auflistung der gewählten Leistungen durch die Leistungsempfänger bilden den Abschluß meines Vortrages.
Zur Person
Ich bin 1955 geboren und habe eine abgeschlossene Ausbildung zum Diplom Ingenieur und Diplom Kaufmann. Seit 1989 habe ich erste Erfahrungen mit der stationären Psychiatrie und seitdem mehrere Zwangseinweisungen in die unterschiedlichen Kliniken der verschiedenen Bundesländer. Von 1993 bis 1996 hatte ich eine ausgedehnte Depression, mit meiner Aktivität im Aufbau der Ortsgruppe der Psychiatrie-Erfahrenen und des Landesverbands der Psychiatrie-Erfahrenen in Rheinland-Pfalz klang sie langsam ab. Ich kann das nur mit dem Wort Empowerment oder Selbstbefähigung erklären und konkret, ich hatte mit diesen Organisationen ein neues Ziel für mein Leben. Als Gründungsmitglied wurde ich in den Vorstand gewählt und seit 1998 bin ich Vorsitzender des Landesverbands Psychiatrie-Erfahrener Rheinland-Pfalz e.V. seit 1996 konnte und kann ich mich für Menschen einsetzen mit einem konkreten, zeitnahem Ziel. Ich wurde weiter in dieser Zeit in den Vorstand des Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrenen gewählt und übernahm seit dieser Zeit den stellvertretenden Vorsitz des Psychiatriebeirates der Region Trier mit einem Einzugsgebiet von 220 000 Einwohner. Mittlerweile wirkte und wirke ich in anderen Gremien wie Besuchskommission Forensik, Implementation des personenzentrierten Ansatzes in der psychiatrischen Versorgung usw. mit.
Geschichte des Persönlichen Budgets
Seit 1995 gibt es in den Niederlanden das Persönliche Budget für geistig und somatisch behinderte Menschen. Das Persönliche Budget soll behinderte Menschen eine gleichwertige Teilnahme am Leben eröffnen und ihnen Wahlmöglichkeiten einräumen, um die Hilfen eigenverantwortlich den individuellen Bedürfnissen optimal anzupassen.
In England gibt es mit dem „Community Care (Direct Payments) Act 1996“ für die Kommunen eine gesetzliche Ermächtigung, im Falle einer anerkannten Behinderung direkte Geldleistungen an die Leistungsempfänger zu zahlen.
Im April 1998 führte der Minister für Soziales, Familie und Gesundheit Florian Gerster das Persönliche Budget weltweit erstmals unter anderem auch für psychisch/seelisch kranke Menschen in der Stadt und dem Landkreis Ludwigshafen (Rheinland-Pfalz) ein. Ab September 1998 kamen die Kreisfreie Stadt Koblenz und der Landkreis Neuwied zum Modellprojekt hinzu. In Rheinland-Pfalz wird das Persönliche Budget als Eingliederungshilfe im Sinne des § 40 Abs. 1 Nr. 8 BSHG verstanden, die der sozialen Eingliederung behinderter Menschen dienen soll.
Umsetzung des Persönlichen Budget in Rheinland-Pfalz
Die Umsetzung des Persönlichen Budgets, als individuelle Hilfeplanung, erfolgt in Rheinland-Pfalz in fünf Schritten:
- Der behinderte Mensch beantragt das Persönliche Budget beim Leistungsträger oder dem Leistungserbringer
- Es erfolgt eine Antragsstellung mittels Individuellen Hilfeplan – der für alle Behinderungsarten gleich ist
- Besprechung und Entscheidung über das Persönliche Budget in der Hilfeplankonferenz – in Trier - nach maximal 3 Wochen seit Beantragung
- Das persönliche Budget kann für Betreuungsleistungen und andere Bedürfnisse verwandt werden
- Nach festgelegtem Zeitraum –z.B. 1 Jahr- erfolgt eine Überprüfung des Persönlichen Budgets
Ergebnisse des Persönlichen Budgets aus der Modellphase
In der Modellphase waren 15,1 % körperliche behinderte Menschen, 30,7 % geistige behinderte Menschen und 54,2 % seelische/psychische behinderte Menschen. Die Zufriedenheit lag in dem Modellprojekt bei:
80,8 % Zufrieden
3,8 % Unzufrieden
15,4 % teils-teils
Laut Abschlußbericht zum Modellprojekt vom 29. November 2001 waren 12 Berufsgruppen - vom Psychologen bis ungelernte Kräfte – in der Betreuung von Budgetempfängern beteiligt.
Daten des Persönlichen Budgets aus einer Großstadt
In der 100 000 Einwohner Stadt Trier wurden vom 1.1.2001 bis 30.5.2003 220 Einzelbudgets genehmigt. Die Verteilung sieht wie folgt aus:
Unter 100 Euro 12 Personen
100 – 299 Euro 64 Personen
300 – 499 Euro 75 Personen
500 – 699 Euro 41 Personen
700 – 770 Euro 28 Personen
Hierbei ist der Kostenaufwand bis zum 1. Halbjahr 2004 um über 900 % gestiegen.
Welche Leistungen wurden gewählt und was erwarte ich vom Persönlichen Budget
In Rheinland-Pfalz werden Leistungen zur Hilfe- und Unterstützungsbedarf gewählt wie:
Unterstützung im Haushalt wie Einkaufen, Kochen, Wäsche waschen, Putzen usw., supportive Gespräche, Unterstützung beim Arztbesuch und bei Bankgeschäften sowie Behördengänge. Diese Leistungen wurden in allen Wohnsituationen – Heim, betreutes Wohnen, Wohngemeinschaft, Familie, eigener Haushalt und wohnen mit einem Partner – unterschiedlich oft abgerufen.
Ich erwarte von dem Persönlichen Budget eine Förderung von selbständig betreuten Wohnen – in einem eigenem Haushalt - statt stationär oder teilstationär betreutem Wohnen. Mit der Umsetzung des Persönlichen Budgets und des damit verbundenen personenorientierten Ansatzes erwarte ich eine Förderung der sozialen Kontaktaufnahme. Viele Psychiatrie-Erfahrene haben im Laufe der Zeit Defizite in der Kommunikation mit Freunden, Nachbarn usw. aufgebaut. Daraus rührt auch bei vielen ein defizitärer Umgang mit Finanzen, der Gesundheit und Behördengänge. Hier kann das Persönliche Budget – als unterschwelliges Angebot – einen sozialen Weg aus der Misere sein. Der teilweise belegarme Nachweis von frei verfügbaren Geldleistungen ermöglicht uns das unsere individuellen Wüsche erfüllt werden.
Literatur:
Franz-Josef Wagner; Die neue Psychiatrie in Rheinland-Pfalz aus Sicht von Psychiatrie-Erfahrenen; Psych. Pflege Heute, 9 Jahrgang 4/2003;
Seite 214-216
Franz-Josef Wagner; Was hat die Enquete Rheinland-Pfalz gebracht?;
Psych. Pflege Heute, 10 Jahrgang 4/2004, Seite 192-194
Franz-Josef Wagner; Personenzentrierte Hilfen aus der Sicht von Betroffenen; Kerbe, 22 Jahrgang 4/2004, Seite 19-22