Borderline Syndrome

Ein der umstrittensten Diagnosen im Bereich der Psychiatrie war die Diagnose des Borderline-Syndroms. Erstmals wurde diese Diagnose in der DSM III ( American Psychiatric Association 1980) als eigenständige Diagnose-Kategorie aufgenommen.Borderline heißt Grenzfall. Früher ordnete man das Borderline-Syndrom in die Grauzone zwischen Neurose und Psychose ein.
Heute versteht man unter dem Borderline-Syndrom ein eigenständiges psychisches Krankheitsbild. Dieses Krankheitsbild ist im Grenzbereich zwischen Neurose, schweren Charakterstörungen und Psychose angesiedelt. Es läßt sich hinreichend genau von diesen Störungen abgrenzen.

Früher, als eine exakte Diagnose dieser Krankheiten noch nicht möglich war, wurden die Störungen aus dem Umfeld des Borderline-Syndroms mit folgenden Diagnosen belegt:
Latente Schizophrenie - Borderline-Neurosen - schizophrenieforme Psychosen - ambulatorische Schizophrenie - psychotischer Charakter - pseudoneurotische Schizophrenie - abortive Schizophrenie - latente Psychose - subklinische Schizophrenie - pseudopsychopatische Schizophrenie - psychotische Persönlichkeit - Boderderline-Schizophrenie - Grenzpsychose - Borderline-Charakter - schizophrene Borderline-Zustände.
Nach kompetenter Schätzung sind ungefähr 30% der Psychotherapie-Patienten Borderline-Fälle. Allerdings gibt es auch heute noch einige biologisch orientierte Psychiater, die die Diagnose Borderline-Syndrom ablehnen.

Folgende Merkmale des Borderline-Syndroms gelten weithin als gesichert und können deshalb zu einer ersten diagnostischen Orientierung herangezogen werden.

  • Das Erscheinungsbild des Borderline-Syndroms ist abhängig von dem Stadium der Erkrankung
  • Neurotische Symptome können in Vielzahl vorhanden sein, aber auch völlig fehlen
  • Es gibt „Borderline-verdächtige Symptome“, deren gehäuftes Auftreten eine entsprechende Diagnose nahe legen, ohne daß diese Symptome zwingend auf ein Borderline-Syndrom hinweisen.
  • Die Erscheinung der Krankheit kann einem ständigen Wechsel unterliegen.
  • Borderline- Patienten können vorübergehend die charakteristischen Symptome einer psychotischen Episode aufweisen (sogenannte Minipsychose).
  • In den meisten Fällen kommt ein impulsives Agieren in episodischer oder chronischer Form vor . Häufig kann man selbstzerrstörerische Mechanismen (sich die Haut aufschneiden, Alkohol-, Drogen-, Medikamentenmißbrauch ) oder andere Formen der Selbstschädigung feststellen.
  • Intensive Emotionen, vorwiegend in Form von Feindseligkeit, Haß oder auch Depressionen.
  • Kombination mit innerer Leere und Entfremdungsgefühlen können auftreten. Weiterhin besteht eine weitgehende Genußunfähigkeit.
  • Die zwischenmenschlichen Beziehungen des Patienten schwanken zwischen oberflächlich punktuellen Kontakten und klammern abhängig in Beziehungen.
  • Borderline-Patienten sind im allgemeinen kontinuierlich sozial integriert.

Das Folgende charakterisiert die gegenwärtigen und überdauernden Verhaltensweisen des Individuums ohne auf Krankheitsepisoden beschränkt zu sein. Es werden dadurch entweder deutliche Beeinträchtigungen im sozialen und beruflichen Bereich oder subjektive Beschwerden verursacht. Mindestens 5 der folgenden Kriterien müssen erfüllt sein:

Die Borderline-Manifestationen sind Ausdruck einer Ich-Störung, die auf der Unfähigkeit basiert, inkompatible und deshalb angstbesetzte Inhalte erfolgreich und auf Dauer aus dem Bewußtsein zu verdrängen. Anders als bei neurotischen Patienten (oder auch beim psychisch unauffällig normalen Menschen) bleiben diese Inhalte hier deshalb grundsätzlich bewußtseinsfähig und können jederzeit auf einen entsprechenden Stimulus hin das Ich des Patienten überfluten. Als Schutz gegen diese Gefahr dienen Abwehrmanöver eines relativ primitiven Typus, in deren Zentrum die Spaltung steht.

Die Spaltung ist der zentrale Abwehrmechanismus bei der Borderline-Störung. Spaltung heißt aktives Auseinanderhalten von jeweils konträren bewußten Ich-Segmenten. Die einzelnen Segmente sind voll bewußtseinsfähig. Durch die Spaltung in gute und böse Segmente schützt sich der Patient vor dem Erleben von Ambivalenz, Trauer, Schuldgefühlen und Wiedergutmachungstendenzen.

Unter Externalisierung versteht man den Versuch, die Außenwelt so zu verändern, daß man sich den innerpsychischen Konflikten nicht zu stellen braucht. Borderline-Patienten verwenden den größten Teil ihrer Energie darauf, die Probleme in ihrem Innern auf die Außenwelt zu projizieren, und dann zu versuchen, die Außenwelt zu beherrschen und zu kontrollieren.

Die Folge davon ist:

  • Die Außenwelt wird nur ausschnittweise wahrgenommen.
  • Die Außenwelt wird im Sinne der eigenen inneren Vorgänge verändert.
  • Die Außenwelt und die damit verbundenen Personen müssen fehlende innerseelische Strukturen ersetzen und diese so entlasten, damit die Integration erhalten bleibt.
  • Die Externalisierung schützt somit vor der Gefahr der Regression, d.h. das Auftreten von Desintegration oder Fragmentierung und regressiver Entdifferenzierung.

Idealisierung ist ein normaler Bestandteil der Entwicklung. Frühe Idealisierung kann aber zu Abwehrzwecken fortbestehen und zu einem unerläßlichen Hilfsmittel der Spaltung werden. Unter primitiver Idealisierung versteht man, daß ein anderer Mensch als total gut, vollkommen, allmächtig,  unerschöpflich erlebt wird. Verkannt wird die Unvollkommenheit und Begrenzung der idealisierten Person.

Hinter den Gefühlen der Unsicherheit, Minderwertigkeit und Scham liegen oft verborgene, sorgfältig gehütete Größen- und Allmachtsphantasien. Auf diese sogenannten narzißistischen Größenphantasien kann man sich zurückziehen:

  • Als Reaktion auf Enttäuschung durch den idealisierten Menschen, indem man die Illusion der Unabhängigkeit von diesem Menschen (Größenphantasie) aufrechterhält.
  • Als Trost nach Kränkungen, vor allem nach Erfahrung des Nicht-Geliebt-Werdens, oder noch schlimmer nach Erfahrung des Nicht-Liebens-Könnens. Dieser Rückzug auf Größenphantasien geht einher mit Entwertung des anderen. Durch diese Entwertung wird der andere, der einen enttäuscht hat, fallengelassen wie eine heiße Kartoffel.

Die projektive Identifizierung ist neben der Spaltung der charakteristische Abwehrmechanismus beim Borderline-Patienten. Projektion bedeutet, daß man Gefühle und Phantasien, die man in sich selber ablehnt, nach außen verlagert und in eine andere Person lokalisiert, so daß man dem anderen unterstellt, daß er die Gefühle, Gedanken und Phantasien habe, die man in sich selber ablehnt. Reifere Form der Projektion ist ein stabiler Abwehrmechanismus, in dem die endgültige Externalisierung der unerträglichen Vorstellung gelingt.

Da beim Borderline-Syndrom die guten bzw. die bösen Selbst- und Objektvorstellungen durch die Spaltung getrennt gehalten werden, besteht noch kein integriertes Bild von sich selber und den anderen. Durch die Aufrechterhaltung der Spaltung kann ein Borderline -Patient in der Beziehung zu einem anderen Menschen keine Kohärenz (Zusammenhänge) und Kontinuität erleben.

Die Beziehungsstörung des Borderline-Patienten zeigt sich in der Gegenübertragungs-Reaktion des Therapeuten. Dabei versteht man unter Gegenübertragung die bewußte und unbewußte Gefühlsreaktion des Therapeuten bezogen auf den Patienten. Genauso wie der Therapeut Einfluß auf den Patienten ausübt, um ihm zur Genesung zu verhelfen, so übt der Patient oft einen krankmachenden Einfluß auf den Therapeuten aus.

Im Gegensatz zur Therapie von neurotischen Patienten geht es in der Borderline-Therapie in erster Linie nicht um die Rekonstruktion des Kindheitsgeschehens und das Aufdecken von unbewußten Konflikten. Das Problem dieser Patienten besteht ja darin, daß sie nicht in der Lage sind, die Verdrängung als Abwehrmechanismus zu benutzen. Bei dem Borderline-Syndrom handelt es sich um eine Entwicklungspathologie, d.h. es besteht ein Mangel an gesunder und adäquater Entwicklung. Bei der Neurose handelt es sich im Gegensatz dazu um eine Konfliktpathologie.