Neurosen

Mit einer Neurose behaftet zu sein, ein Neurotiker genannt zu werden, das bringt gemeinhin niemandem einen besonders guten Ruf ein. Zu ungenau trennt im Allgemeinverständnis der unbefangene Bürger zwischen Neurose und Psychose. Für ihn ist all das mit dem Makel des psychisch Kranken, des im Alltag nicht „Funktionierenkönnens“ belastet. Auf der anderen Seite jedoch ist auch zu beobachten, daß eine gewisse Anerkennung nicht versagt wird, ja daß es als chic gelten kann, wenn man durchblicken läßt, einen Psychotherapeuten an der Hand zu haben, mit ihm seine Probleme durchsprechen zu können. So bleibt in der Öffentlichkeit der Begriff einer Neurose schillernd. Das, was einem dazu einfällt, reicht von „ein bißchen Lebenshilfe nötig zu haben bis hin zu tiefgreifender seelischer Krankheit“.

Hier wird das Stichwort „Neurosen“ abgehandelt unter der Überschrift „In Ängsten und Zwängen“. Damit wird für jeden deutlich, es geht um Krankheiten. Es geht offensichtlich um Leiden und um erheblichen Leidensdruck. Was ist eine Neurose also, wirklich eine richtige seelische Krankheit oder eine Kennzeichnung eher für eine gewisse Disharmonie in der eigenen Persönlichkeitsstruktur, die Diskrepanz zwischen dem eigenen „Nervenkostüm“ und dem, was alles man sich zu leisten im Leben vorgenommen hat?Die Gesellschaft hat sich über Jahrzehnte hinweg außerordentlich schwer getan, in Neurosen handfeste Krankheiten zu sehen. Es bedurfte langer Anstrengungen der Wissenschaft, zunächst die Ärzte, dann die Krankenkassen und Versicherungsanstalten davon zu überzeugen, daß hier behandlungsbedürftige Krankheitsbilder vorliegen.

Es hängt wohl damit zusammen, daß man einem neurotisch Kranken die Krankheit so schlecht von außen her ansehen kann. Kein gebrochener Knochen, deine Geschwulst, auch keine unaufhörlichen Schmerzen, ja nicht einmal ins Auge springende Verhaltensauffälligkeiten, keine überschießenden Aggressionen, kein offensichtlicher Wahn, kein völliges Daniederliegen aller Antriebskräfte.

Da mag eine massive Zwangsneurose noch rascher für die Umgebung erkennbar werden. Jemand mit einem ausgeprägten Waschzwang mag durch sein ständiges Händewaschen schon bald befremdlich wirken. Strenge Rituale, die er sich einzuhalten gezwungen sieht, gleichviel, ob sie in die jeweilige Situation passen oder nicht, lassen den anderen schon aufmerken. Aber damit sind eben bereits Extrembeispiele neurotischer Krankheitsbilder benannt, die mit Angst und Zwang einhergehen.

Die vielen mäßigeren Formen, die Persönlichkeitsstörungen, die sogenannten Charakterneurosen, die depressiven Neurosen, hysterischen Neurosen beschränken sich von außen her gesehen auf vielleicht erkennbare akzentuierte Persönlichkeitszüge, auf mehr oder weniger ausgeprägte Belastbarkeit im Alltag. Und doch ist hier überall tiefgreifendes Leiden im Spiel. Leiden, das sich dann Auswege sucht in Schlafstörungen, in Mißbrauch von Medikamenten oder Rauschmitteln. Leiden, das nicht nur ein ureigenes Leben kennzeichnet und belastet, sondern oft genug auch das der ganzen Familie. Übrigens sind viele Suizide das Ergebnis einer neurotischen Entwicklung, in der jemand vergeblich versuchte, sein Leiden am Leben und an sich selbst hinreichend zu bewältigen.

Woher kommen Neurosen, warum gerät jemand in ein solches Unglück? Sind es die besonderen Belastungen unseres modernen Lebens? Ist es die Isolierung, in der so viele leben? Sind es die drückenden Zwänge unserer Gesellschaftsform, unserer Leistungsgesellschaft etwa? Spielt der gewaltige Umbruch eine Rolle, der unverkennbar unsere Anschauungen von Werten, Ethik, vom Sinn unseres Lebens betrifft? Es ist bei dieser Frage unmöglich pauschal zu antworten.

Ist also ein Mensch durch eine irgendwie geartete Störung seiner frühkindlichen Entwicklung verwundbarer geworden, sozusagen gezeichnet, so muß das nicht alles und allemal später Krankheit im Seelischen bedeuten. Andere Faktoren müssen hinzutreten, um zu erreichen, daß ein halbwegs vorhandenes, wenngleich labiles Gleichgewicht ins Schwanken gerät.

Schließlich mögen Lernvorgänge eine Rolle spielen, die später zu Fehlverhalten im Sinne neurotischen Erlebens führen. Haben sich etwa aus irgendwelchen Gründen früher unangemessene Reaktionsweisen eingeschliffen, mit denen man Belastungen zu bestehen versuchte, so verselbständigen sich diese und versperren reiferen Bewältigungsversuchen den Weg.

Wächst sich ein derartiges Krankheitsbild vielleicht auch von selbst aus? Verschwindet es wieder, wenn sich die äußere Situation bessert, die mitmenschlichen Beziehungen wieder ins Lot kommen?

Bei allen Methoden sollte im Auge behalten werden, daß es ja in starkem Ausmaß um eine Nachreifung und oft um eine Umorientierung einer Persönlichkeit geht. Daraus ergibt sich die Schwierigkeit des Unterfangens. Das geht nicht so einfach wie beim Herausoperieren eines Gallensteins, obwohl es  auch da Komplikationen geben kann.

Oft kann man noch von völliger Heilung sprechen, muß sich zufrieden geben damit, daß jemand mit seiner Angst leben, sich anderen Menschen wieder zuwenden und seinen Unterhalt wieder verdienen kann. Da mögen noch Reste einer schwierigen Persönlichkeitsstruktur übrig und hinderlich bleiben und so jemanden in seinem Lebensgefühl beeinträchtigen.