Schizophrenie

Schizophrenie ist eine ernste, psychische Krankheit, die verschiedene Ausdrucksformen annehmen kann. Heute spricht man meist von Schizophrenien, nicht zuletzt weil sich deren Symptome über mehrere Bereiche erstrecken: Denken und Fühlen, Sprache, Wahrnehmung, Emotionen, motorisches Verhalten und soziale Kontakte. An Schizophrenie erkrankte Menschen haben häufig Mühe, zwischen der Wirklichkeit und der eigenen subjektiven Wahrnehmung zu unterscheiden. Sie hören Stimmen, die sie verfolgen und sehen sich als Opfer von Intrigen und Verschwörungen gegen ihre eigene Person: Die besten Freunde können zu Feinden werden, die eigenen Eltern und Geschwister zu Verrätern.

Die mit der Krankheit einhergehenden Symptome verändern die Welt des Erkrankten auf dramatische Weise. Nichts ist mehr, wie es früher einmal war. Die „entrückte“, oft bedrohlich empfundene Realität verunsichert den an Schizophrenie erkrankten Menschen. Mißtrauen gegenüber Freunden, Verwandten und dem weiteren Umfeld sowie oft auch eine Flucht in die eigene innere Welt können die Folgen davon sein.

Damit sich die Krankheit entwickelt, sind weitere, nicht erbliche Faktoren wichtig. Streßsituation wie Pubertät, Schulabschluß, Militär, Heirat, Schwangerschaft, Verlust eines nahestehenden Menschen usw. können eine entscheidende Rolle spielen. Im Vorfeld einer schizophrenen Erkrankung werden oft solche seelischen Belastungen beobachtet. Das Erklärungsmodell der Vulnerabilität (Verletzlichkeit) wird in diesem Zusammenhang oft erwähnt. Dieses besagt, daß Menschen mit einer möglicherweise genetisch bedingten Neigung zur Schizophrenie besonders empfänglich für körperliche, seelische und soziale Reize sind. Oft sind es feinfühlige und kreative Menschen, die an Schizophrenie erkranken.

Anzeichen für eine Schizophrenie können allmählich auftreten und zu Beginn wenig dramatisch erscheinen. In der Anfangsphase der Erkrankung ist es deshalb häufig schwierig, die Diagnose Schizophrenie zu stellen. Als Symptome treten Störungen des Denkens und Fühlens, Wahnvorstellungen sowie körperliche Veränderungen auf. Die Art, Häufigkeit und Intensität dieser Symptome ist jedoch individuell recht unterschiedlich.

Schizophrene Menschen gelangen oft zur Überzeugung, ihre Gedanken würden gelesen oder gesteuert. Sie glauben in bestimmten Situationen, daß zufällige Ereignisse für sie von besonderer Bedeutung sind. Oder sie fühlen sich mißverstanden, von anderen benachteiligt oder diskriminiert. Oft haben sie die Vorstellung, über ganz besondere Fähigkeiten zu verfügen oder eine eminent wichtige Person zu sein. Nicht selten sind schizophren erkrankte Menschen davon überzeugt, daß ihnen ihr Körper fremd geworden ist, der von außen beeinflußt oder gar gesteuert wird.

Das Denken von schizophreniekranken  Menschen wirkt oft unlogisch, unklar oder wirr, zumal es einer „eigenen“ Logik bzw. eines „eigenen“ Realitätsempfindens entspringt. Die Stimmung Schizophrener schwankt oft zwischen tiefer Depression und ausgelassener oft übertriebener Fröhlichkeit. In der Äußerung ihrer Gefühle können sie sich unangepaßt oder unverhältnismäßig verhalten: z. B. hysterisches Lachen angesichts eines traurigen Ereignisses.

Zu den körperlichen Symptomen gehören eine Verlangsamung von Bewegungsabläufen, körperliche Starre und Stummheit. Schizophreniekranke Menschen können aber auch ohne ersichtlichen Grund in schwere Erregungszustände oder Ekstase geraten.

Schizophrene Menschen können Dinge hören, sehen, schmecken, riechen, erleben, erahnen, fühlen oder spüren, die andere Menschen nicht wahrnehmen. Infolge dieser veränderten Wahrnehmung haben sie im Alltag große Mühe, zwischen Wichtigem und Unwichtigem, Vorder- und Hintergründigem, Realem und Unwirklichem zu unterscheiden. Diese veränderte Wahrnehmung kann zur sozialen Isolation führen.

Die Behandlung von Schizophrenien muß sehr individuell, auf den einzelnen Patienten abgestimmt, durchgeführt werden, weil die Krankheit bei jedem Mensch unterschiedlich zum Ausdruck kommt. Im Wesentlichen besteht eine Behandlung aus einer Kombination von Medikamenten (Neuroleptika), psychotherapeutischen Maßnahmen und sozialer Unterstützung.

Neuroleptika sind Medikamente mit antipsychotischer Wirkung zur Behandlung von Schizophrenien. Es sind Arzneimittel, welche die Symptome der Krankheit lindern, zum Teil oder gänzlich beseitigen. In den fünfziger Jahren entwickelt, haben sich die sogenannten “klassischen oder konventionellen Neuroleptika“ - gemäß zahlreichen wissenschaftlichen Untersuchungen - vorab zur Behandlung der positiven Symptome bewährt. Die Wirksamkeit dieser konventionellen Mittel beruht auf einer Einschränkung der Reizübertragung des chemischen Wirkstoffes Dopamin in bestimmten Gehirnregionen. Sie werden vorwiegend dort eingesetzt, wo es gilt, Ängste zu lösen oder Sinnestäuschungen einzudämmen. Leider wird die Einnahme dieser Medikamente von den Patienten - wegen ihrer unerwünschten Nebenwirkungen, allen voran die extrapyramidal-motorischen Nebenwirkungen, und ungenügender Aufklärung - nicht selten verweigert.

Dopamin ist aber längst nicht der einzige Botenstoff im Kommunikationssystem des menschlichen Gehirns. Die Forschung befaßt sich fortwährend mit dem komplexen Zusammenspiel der verschiedenen Überträgerstoffe im Gehirn, um so neue Zusammenhänge und Therapieansätze zu finden. Eine in den späten achtziger Jahren entwickelte, neue Neuroleptika-Generation, die zusätzlich den Neurotransmitter Serotonin berücksichtigt, hat die therapeutischen Möglichkeiten wesentlich erweitert und darüber hinaus die unerwünschten Wirkungen deutlich verringert. Diese neuen Medikamente sind oft besser verträglich als die klassischen Neuroleptika und verursachen deutlich geringere Störungen des Bewegungsapparates. Im weiteren ist das Wirksamkeitsspektrum entscheidend erweitert worden: Diese Medikamente wirken auf die Psyche ausgewogener, behandeln positive und negative Symptome und sind weniger sedierend (ermüdend bzw.

Die Neuroleptika vermögen die Symptome der Schizophrenie zu lindern und helfen, ein weitgehend „normales“ Leben zu führen. Dadurch, daß sie Wahnvorstellungen und Sinnestäuschungen verringern, verhelfen sie dem Patienten zu einem klareren Denken und besserer sozialer Beziehungsfähigkeit. Neuroleptika sind wertvolle Heilmittel und haben eine wirksame Behandlung der Schizophrenie erst möglich gemacht. Sie können und wollen aber die Psychotherapie sowie sozialtherapeutische Hilfemaßnahmen nicht ersetzen. Ihre Wirksamkeit und Verträglichkeit in der Behandlung von Schizophrenien ist aber mittlerweile so gut belegt, daß sie aus der modernen Psychiatrie nicht wegzudenken sind.

Die Linderung schizophrener Symptome ist die eine Seite der medikamentösen Behandlung. Ebenso wichtig ist es Rückfälle wirksam zu verhindern. Eine Dauermedikation, die regelmäßig verläuft und individuell angepaßt wird, ist in dieser Hinsicht von Vorteil. Weltweite Untersuchungen haben gezeigt, daß der ersten Psychose eine mindestens zweijährige, ununterbrochene Therapie mit Neuroleptika die besten Erfolge zeitigt. Patienten, die unter wiederkehrenden Psychosen leiden, sollten im Minimum während fünf Jahren mit Neuroleptika behandelt werden.

Familienmitglieder von an Schizophrenie erkrankten Menschen merken zwar bald, wenn mit ihrem Angehörigen „etwas“ nicht stimmt, doch oft wird dieses „etwas“ mit einer momentanen Krise, einer Sinneswandlung oder gar mit Drogenkonsum in Verbindung gebracht. Es können Jahre vergehen, bis die zuweilen schwer faßbare Krankheit Schizophrenie diagnostiziert werden kann. Für den Schizophrenen hingegen kann die Krankheit „wie aus heiterem Himmel“ über ihn hereinbrechen. Die erfahrenen Störungen im Denken und Fühlen, im Erleben der eigenen Person und des Umfeldes können einen Menschen nach und nach aus dem gewohnten Lebensrhythmus werfen. Verlust der Arbeitsstelle; plötzlicher Abbruch des Studiums; Auseinandersetzungen und möglicherweise mangelndes Verständnis in der Familie; Trennung von Freunden, Lebenspartnern und Verwandten.

Gerade bei psychisch auffälligem Verhalten einer Person sind Angst und mangelndes Verständnis dominante Gefühle. Während bei anderen Krankheiten, wie z.B. Krebs, dem direkt Betroffenen viel Verständnis entgegengebracht wird, ist die Haltung gegenüber psychisch Erkrankten oft distanziert und abweisend. Schizophrenie ist eine Krankheit, die heute wirksam behandelt werden kann und weder durch Erziehung noch aus eigener Schuld provoziert wird. Schuldgefühle und Schuldzuweisungen sind deshalb fehl am Platz.