Interview mit dem Landesbehindertenbeauftragten Ottmar Miles-Paul von Rheinland-Pfalz für die Ausgabe 2009 des „Leuchtfeuer“ des LVPE RLP e.V.

Arlette Mathoni-Welling für den Gesamtvorstand des LVPE RLP e. V.

Kurze Erläuterung zu Ihrer persönlichen Situation:

 

 

Woher haben Sie Ihren etwas ungewöhnlichen Nachnamen?
Ursprünglich hieß ich Ottmar Paul, dann habe ich meine US-amerikanische heutige Ex-Frau geheiratet und das Miles in meinen Namen integriert, also eine deutsch amerikanische Mischung.

Haben Sie im Ausland gelebt?
Ja, ich habe ca. 15 Monate in den USA in Berkeley, Kalifornien, gelebt und pflege regen Kontakt mit meinem in den USA lebenden 14jährigen Sohn und vielen Freunden dort.

Wo haben Sie Ihre Kindheit verbracht?
Ich bin in Ertingen, einem Dorf in Oberschwaben, aufgewachsen und habe dort die Grund- und Hauptschule besucht bevor ich dann mit 14 auf eine Sonderschule für blinde und sehbehinderte Menschen nach Stuttgart gegangen bin.

Sind Sie selbst behindert? Wenn ja, möchten Sie uns Näheres dazu berichten, über Ihre persönlichen Erfahrungen mit einer Behinderung?
Ja, ich bin von Geburt an sehbehindert und habe mir im Laufe meines Lebens nach einem Hörsturz auch noch eine leichte Hörbehinderung zugezogen. Zudem habe ich immer wieder Allergien. Die Erfahrungen mit meiner Behinderung haben mein Leben geprägt und ich habe sehr viel daraus gelernt. Einmal habe ich gelernt, was es heißt, benachteiligt zu werden. Andererseits habe ich auch viel Kraft daraus geschöpft, nicht immer perfekt sein zu können, bzw. das auch nicht sein zu wollen. Vor allem hatte ich die Chance viele tolle behinderte und nichtbehinderte Menschen kennen zu lernen, die mir viel gegeben haben.

Haben Sie eine Regelschule besucht, oder eine Schule ausschließlich für Behinderte?
Ich habe beide Systeme kennen gelernt. Die ersten neun Schuljahre war ich auf einer Regelschule in meinem Dorf. Dort hatte ich kaum Unterstützung und habe mich so durchgewurstelt. Danach ging ich dann auf Sonderschulen für Blinde und Sehbehinderte in Stuttgart und Marburg bevor ich dann in Kassel Sozialwesen studierte und in den USA Praktika absolvierte.

Welche Erfahrungen haben Sie persönlich in diesem Zusammenhang gemacht?
Ich habe einerseits erlebt, wie man sich fühlt, wenn man eine Sonderschule besuchen muss und welche negativen Faktoren das Gefühl des „Ausgesondertseins“ auf die eigene Persönlichkeit haben kann. Neben den in meinem Fall zum Teil auch sehr positiven Lerneffekten prägen mich diese Erfahrungen heute immer noch. Deshalb kämpfe ich auch für die schulische Inklusion von Anfang an. Andererseits habe ich auch erlebt, dass man sich an der Regelschule zuweilen gut durchboxen muss und Freunde und Bedingungen braucht, die einen unterstützen.

Wie haben Sie es geschafft vom „blinden Heimkind zur Politik“?
Bereits im Internat habe ich mich im Heimbeirat und in der Schülervertretung engagiert. Damals habe ich erkannt, dass es viele Ungerechtigkeiten gibt, die von Menschen gemacht sind und verändert werden müssen und können. Dieses Engagement hat sich später in andere Bereiche und mit viel Unterstützung durch andere übertragen, so dass ich heute ein durch und durch politischer Mensch bin.

Was bedeutet es heute für Sie behindert zu sein?
Ich habe weitgehend gelernt mit meiner Behinderung zu leben, das heißt, Möglichkeiten und Grenzen zu erkennen und diese auch weitgehend zu akzeptieren. Dazu gehört viel Selbstreflexion, Selbstbewusstsein und wahrscheinlich auch ein gutes Maß an Gelassenheit. Auch wenn es mich immer wieder nervt, wenn ich etwas nicht sehe oder nicht höre, möchte ich die Erfahrung und die mit meiner Behinderung verbundenen Erlebnisse nicht missen.

Wie schafft man es Ihrer Meinung nach, sich zu einem positiven Menschen zu entwickeln, trotz Behinderung positiv in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden?
Kalifornisch geprägt, wie ich nun mal bin, glaube ich, dass da oft mehr möglich ist, als wir denken, wenn wir es schaffen, so richtig an uns zu glauben und gute Unterstützerinnen und Unterstützer finden. Dabei müssen wir vor allem erkennen, dass eine Behinderung nicht nur negative Auswirkungen hat, sondern dass man aus den behinderungsbedingten Erfahrungen viel lernen und auch viel weitergeben kann.

Wie stehen Sie zu psychisch Behinderten im Allgemeinen?
Wie bei allen anderen Gruppen von Menschen gibt es solche und solche Menschen. Grundsätzlich finde ich es wichtig, dass auch psychisch behinderte Menschen ernst genommen werden, mitten in der Gesellschaft leben können und die Unterstützung bekommen, die sie brauchen.

Hatten Sie schon viel Berührung mit Menschen wie uns?...vielleicht in Ihrem privaten Umfeld?
Ich kenne sehr viele Menschen mit ganz unterschiedlichen Behinderungen und zähle viele von ihnen zu meinen Freunden. Darunter sind auch Menschen, die psychische Behinderungen haben, bzw. Phasen in ihrem Leben haben, wo nicht alles rund läuft und Krisen auftreten.

Fragen zu Ihrem Amt als Landesbehindertenbeauftragter:

Wie sind Sie zu Ihrem Amt gekommen, bzw. wer ist an Sie herangetreten?
Ich wurde von der rheinland-pfälzischen Sozialministerin Malu Dreyer gefragt, ob ich dieses Amt übernehmen möchte und vom Kabinett in dieses Amt berufen.

Was haben Sie beruflich gemacht bevor Sie Landesbehindertenbeauftragter wurden?
Ich habe Sozialwesen studiert, dann in der Beratung und Interessenvertretung behinderter Menschen gearbeitet und war zuletzt als freiberuflicher Publizist und Projektmanager tätig.

Welche Aufgabe sehen Sie als Ihre vordringlichste, wichtigste an?
Mir ist der Gedanke der Inklusion behinderter Menschen sehr wichtig, also dass behinderte Menschen von Anfang an und überall selbstverständlich dazu gehören und dafür auch die entsprechenden Rahmenbedingungen geschaffen werden müssen. Daher setze ich mich dafür ein, dass behinderte Menschen mitten in der Gesellschaft leben und arbeiten können, dass die schulische Integration selbstverständlich wird und dass wir vor allem auch eine starke und weithin anerkannte und einbezogene Selbsthilfe haben. In einigen Bereichen sind wir auf einem guten Weg, es gibt jedoch auch noch vieles zu tun.

Bearbeiten Sie Anfragen von Behinderten selbst, oder haben Sie dafür Mitarbeiter?
Zum Glück muss ich nicht alles selbst machen, denn das würde bei den vielen Aktivitäten und Terminen, die ich wahrnehmen muss, gar nicht gehen. Ich habe eine Sachbearbeiterin, die viele Anfragen prüft, bearbeitet oder zur Stellungnahme durch die Fachabteilung weiterleitet. Zudem habe ich noch eine Sekretärin. Insgesamt sind wir in unserem 3er-Team zwei Menschen, die selbst behindert
sind.

Sind Sie direkt beteiligt wenn Gesetze in Bezug auf Behinderte geändert werden sollen/müssen?
Ja, viele Gesetzesänderungen bekomme ich auf meinen Tisch und wir versuchen dabei auch stets die Sichtweise behinderter Menschen einzubringen.

Was fällt alles in Ihren Zuständigkeitsbereich?
Ich muss u.a. ein offenes Ohr für behinderte Menschen haben und deren Eingaben prüfen. Ich soll auf die Einhaltung der Gesetze achten und die Gleichstellung und Selbstbestimmung behinderter Menschen, dabei auch insbesondere von behinderten Frauen voran treiben. Dann liegt mir sehr viel daran, die Aktivitäten der Selbsthilfeorganisationen zu unterstützen. Es gibt also viel zu tun und viele Termine wahrzunehmen, so dass es mit einem herkömmlichen 8-Stunden Tag in der Regel nicht getan ist.

Welchen Weg sollten Behinderte wählen, wenn sie ihre Anliegen an Sie herantragen möchten?
Am besten ist es, wenn uns die Anliegen behinderter Menschen direkt  per Mail oder Brief zugesandt wird. Dann können wir das nämlich leichter und schneller prüfen lassen. Natürlich kann man bei uns auch anrufen, bzw. mich bei Veranstaltungen ansprechen.

Sehen Sie zur Zeit irgendwo ganz besonders akuten Handlungsbedarf in RLP?
Wir müssen uns verstärkt anstrengen, dass behinderte Menschen mitten in unserer Gesellschaft leben können und sich die Hilfen an den Bedürfnissen der einzelnen Menschen orientieren und diese passgenau sind.

Spezifische Fragen zur Gesundheits- und Sozialpolitik in RLP die unsere Mitglieder besonders stark interessieren:

Teilen Sie die Auffassung, dass ALLE behinderten Menschen aufgrund ihrer Behinderung ständig einem großen psychischen Druck ausgesetzt sind, und dass insofern alle Behinderten auch in großen Teilen gemeinsame Interessen- und Berührungspunkte haben?
Jeder Mensch ist verschieden und macht auch unterschiedliche Erfahrungen, so dass ich nie für alle sprechen kann. Ich erlebe es aber im Alltag, dass behinderte Menschen oft sehr viel gemeinsam haben und natürlich im Gegensatz zu vielen nichtbehinderten Menschen eine ganze Reihe an zusätzlichen Herausforderungen bewältigen müssen. Die Verbesserung der gemeinsamen Interessenvertretungen der Selbsthilfeorganisationen behinderter Menschen liegt mir daher sehr am Herzen.

Oder würden sie eher zwischen körper- geistig- seelisch- und mehrfach Behinderten Menschen deutliche Grenzen ziehen?
Leider gibt es zwischen den verschiedenen Gruppen noch viel zu viele Grenzen, die es abzubauen gilt, denn auch wir behinderte Menschen haben Vorurteile und müssen uns immer wieder selbst herausfordern. Das Ziel ein möglichst selbstbestimmtes und gleichberechtigtes Leben mitten in der Gesellschaft führen zu wollen, ist meines Erachtens jedoch ein großes gemeinsames Vorhaben, dass die verschiedenen Gruppen verbindet bzw. verbinden sollte.

Gibt es etwas was Sie psychisch behinderten Menschen auf diesem Wege und in diesem speziellen Zusammenhang sagen möchten?
Unterstützen Sie sich gegenseitig und setzen Sie sich für Ihre Belange ein. Versuchen Sie dabei auch mit anderen Gruppen zusammen zu arbeiten, denn gemeinsam ist man viel stärken und lernt auch mehr voneinander.

Die psychisch Kranken/Behinderten möchten in allen Statistiken getrennt von geistig Behinderten geführt werden! Warum konnte diese Formalie bisher nicht in allen Bereichen umgesetzt werden? Dies ist unserem Verband ein ganz besonders wichtiges Anliegen!
Aktuell liegen mir hierüber keine konkreten Kenntnisse vor. Ich möchte Sie aber ermutigen, dass Sie als Landesverband gegebenenfalls gemeinsam mit anderen Landesverbänden und Ihrem Bundesverband bei dem für die Statistik verantwortlichen Bundes- oder Landesamt auf das Ihnen wichtige Anliegen hinweisen und vielleicht einen Vorschlag unterbreiten, wie die statistischen Erhebungen zu verändern wären. Einen Hinweis auf den Vorteil dieser Veränderungen wäre sicher hilfreich.

Wie kann der LVPE die Interessen seiner Mitglieder am wirkungsvollsten in die Behindertenpolitik des Landes RLP einbringen?
Sie sind schon auf einem guten Wege, die Interessen ihrer Mitglieder gut zu vertreten. Wichtig ist, sich konstruktiv und zielgerichtet einzubringen, viele Kontakte zu knüpfen und viele Betroffene dazu zu ermuntern, sich zu engagieren und fortzubilden. Ich freue mich besonders, dass der LVPE aber auch die Angehörigenvertretung sowohl im Landespsychiatriebeirat als auch im Landesbeirat zur Teilhabe behinderter Menschen von ihrem Mitwirkungsrecht regen Gebrauch machen und damit eine entscheidende Rolle in der Beratung der Politik des Landes wahrnehmen.

Werden Sie persönlich am neuen Heimgesetz mitarbeiten?
Ich werde mich engagiert in der Diskussion beteiligen und mich im Rahmen meiner Möglichkeiten darum bemühen, dass wir ein gutes Gesetz schaffen.

Welche Ziele werden mit dem neuen Heimgesetz verfolgt? Wird man hier endlich eine Rehabilitationspflicht für die Heime festschreiben, oder bleibt in der Hinsicht alles so unvorteilhaft wie es derzeit geregelt ist?
Das kann ich noch nicht sagen, weil wir gerade am Anfang der Diskussion stehen und am Ende entscheidet der Landtag über das neue Gesetz. Meines Erachtens ist die Rehabilitation genauso wie die Prävention bereits in allen Leistungsgesetzen vorgeschrieben, insofern strebe ich mehr Unterstützung bei der Umsetzung bestehender Regelungen an.

Welche neuen/zusätzlichen Wege schlagen Sie unserem Verband in Bezug auf Öffentlichkeitsarbeit vor? Wir haben das Gefühl, dass hier noch viel getan werden müsste!
Wichtig finde ich, dass die Betroffenen selbst in der Öffentlichkeit mehr zu Wort kommen. Daher ist es einerseits notwendig, Probleme aufzuzeigen, andererseits aber auch positive Entwicklungen darzustellen und Mut zu machen.  Ihre Broschüre Leuchtfeuer lese ich mit Interesse, auch Ihr Internetauftritt gefällt mir gut. Wichtig erscheint mir, dass Themen, die behinderte Menschen betreffen, in den allgemein zugänglichen Medien aufgegriffen werden.

Über psychisch Kranke/Behinderte wird überwiegend schlecht in der Presse berichtet! (psychisch auffällige Gewalttäter etc.) Daher möchten wir mit Ihnen zusammen eine Veranstaltung planen, um Journalisten für unsere Probleme zu sensibilisieren. Wir würden dabei gern Infos über Diagnosen, Leben in der Gesellschaft und die damit verbundenen Probleme weitergeben. So eine Veranstaltung hätte sicherlich mehr Gewicht wenn Sie als Kooperationspartner auftreten würden! Eine weitere Idee wäre eine Broschüre herauszugeben (eventuell mit anderen Behindertenverbänden) nach dem Modell des Buches „Behinderung leben – nicht überleben“ - 10 Gespräche mit Menschen mit Behinderung. Psychisch Kranke könnten hier interessante Artikel beisteuern.
Wo ich kann, unterstütze ich Sie gerne, wobei die Kunst darin besteht, die Veranstaltungen und Aktivitäten so zu planen, dass man auch die Journalistinnen und Journalisten, sowie die Öffentlichkeit erreicht.

Wir danken Ihnen für Ihre ausführliche Stellungnahme und Ihr Entgegenkommen!
Ich bedanke mich bei Ihnen für das ausführliche Interview und wünsche Ihrem Verband weiterhin viel Erfolg und Spaß bei Ihrem Wirken.