Klein aber fein!!

Franz-Josef Wagner

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich habe meinen Beitrag zur heutigen Feier, anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Fachklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, mit dem Thema: „Klein aber fein“ überschrieben.

Was bewegte mich bei meinen Überlegungen dieses Themas:

  • Wir haben in Rheinland-Pfalz 2 Privatkliniken ohne Versorgungsverpflichtung und dabei ist die Fachklinik der Barmherzigen Brüder Saffig die kleinste Klinik mit 65 Belegbetten
     
  • Betrachtet man die 136 Jahre der Barmherzigen Brüder in Saffig, so ist die Zeit mit vielen kleinen positiven Anekdoten gepflastert. Z.B. ließ die Frau des Amtsgerichtsrates Dubusch aus Andernach 1906 eine „Villa mit Centralheizung“ im Garten der Brüder errichten. Die Pflege des alten Herren „Dubusch“ übernahmen zwei aus der Einrichtung eigens dafür abgestellte Herren.
     
  • Eine andere Geschichte erzählte Dr. Eberhard Schäfgen 1994: In den 60er Jahren war es noch sehr schwierig Mitarbeiter in die Einrichtung zu gewinnen. Der Lohn war äußerst gering; in einer getrennten Weihnachtsfeier für Männer und Frauen, zu denen jeder Mitarbeiter eine Geschenktüte erhielt, waren 30,- DM als Weihnachtsgeld versteckt.
     
  • In den 60 und 70er Jahren gab es die Kritik in der Versorgung der psychisch/seelisch kranken Menschen, die in der Berufung der 19 Mitglieder in die Enquete-Kommission am 31. August 197 mündete. Noch vor Abschluss der Enquete-Kommission mit dem schrecklichem Bericht über die Zustände und Größe der Heil- und Pflegeanstalten, entschied sich das Direktorium der Wohn-, Pflege- und Therapieeinrichtung Saffig 1974, für den Aufbau eines Akutbereiches zur „Minianstalt“ gemäß Bericht von 1975.
     
  • Politisch verantwortliche Menschen berichten 2005 über Saffig: Es gibt keine Pflichtversorgung, die Klinik wird bewusst, freiwillig von den psychisch kranken Menschen gewählt, die Auslastung ist so gut, dass Wartezeiten bestehen. Selbstgefährdenden Menschen wird der Abschluss einer Vereinbarung über beschütztere Behandlung angeboten. Die Besuchskommission erhält regelmäßig und selbstverständlich die ausführlichen Statistiken von der Akutklinik und informiert sich über die Entwicklung der Klinik.

Das waren 4 Beispiele zum Thema „Klein aber fein“, seit dem Bestehen der Aktivitäten der Barmherzigen Brüder in den Wohn-, Pflege- und Therapieeinrichtungen Saffig.

Aber mein Interesse, hier zu sprechen, besteht nicht nur in der Verherrlichung der Vergangenheit, sondern auch in der visionären Betrachtung von möglichen Entwicklungen, die wir Psychiatrie-Erfahrenen voran treiben möchten und der Bitte um aktive, therapeutische Unterstützung durch die Barmherzigen Brüder in Saffig.

Seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts, gibt es in den Vereinigten Staaten von Amerika eine alternative Psychiatriebewegung. Sie hat den Ausgang in dem 2004 verstorbenen Psychiaters Loren Mosher, der in San Jose´, Kalifornien, eine Soteria gründete. Heute haben wir in dem deutschsprachigem Raum in Bern (Schweiz), Zwiefalten (Baden Württemberg) und Haar (München) existierende Soteriamodelle. Was macht diese Modelle alternativ?

Es sind kleine therapeutische Gemeinschaften mit einem anderen nicht bio-chemischen Krankheitsbild. Die Psychose wird als verstehbare, positive Lebenserfahrung verstanden, es werden nur in Extremsituationen Psychopharmaka verabreicht. Die Mitarbeiter haben Doppelerfahrung d.h., sie sind Psychiatrie-Erfahrene und haben zugleich eine professionelle Ausbildung im Bereich des Gesundheitswesens.

Ähnlich arbeiteten das „Burch House“ des Psychologen David Goldblatt in New Hampshire, „Windhorse Programm“ des Psychiaters Edward Podvoll in Colorado und die europäischen Projekte „Wegloophuizen“ in Holland, „Hotel Magnus Stenbock“ in Finnland und das Weglaufhaus „Villa Stöckle“ in Berlin. Das erste alternative Projekt in Deutschland, die „Villa Stöckle“, wurde 1996 gegründet und erhielt 2004 den Ingeborg-Drewitz-Preis der Humanistischen Union Berlins. Die Finanzierung der „Villa Stöckle“ erfolgt nach SGB XII (Hilfe in besonderen Lebenslagen).

Mittlerweile hat sich ein Förderverein in Saarbrücken gegründet, der ebenfalls ein alternatives Projekt aufbauen will. Hier soll auch eine Privatklinik ohne Pflichtversorgung entstehen, die unter anderem von Psychiatrie-Erfahrenen betrieben werden soll.

Alternative Projekte sind finanziell überlebensfähig, menschenfreundlich und werden von uns Psychiatrie-Erfahrenen positiv bewertet und angenommen.

Nun komme ich zur Bitte an das Direktorium der Barmherzigen Brüder Saffig: Hier gibt es 4 schöne kleine Akutstationen. Besteht hier nicht die Möglichkeit eine kleine Station mit ca. 10 Betten für z.B. eine alternative Behandlung nach dem abgewandelten Konzept von Loren Mosher auf zu bauen?

In den 80er Jahren, als die CDU/CSU regierten Bundesländer 500 Millionen „zur Schaffung der psychiatrischen Angebote im Sinne des Psychiatrie-Enquete Vorschlags“ mit dem Hinweis auf ungeklärte verfassungsrechtliche Gründe abwies, waren die Barmherzigen Brüder hier in Saffig auch der Zeit voraus und bauten die Gemeindepsychiatrie auf.

So wünsche ich mir aktuell eine visionäre gesundheitspolitische Entwicklung der Fachklinik für Psychiatrie und Psychotherapie Saffig und dies auch im Sinne der Selbsthilfebewegung der Psychiatrie-Erfahrenen.

Wir sind bereit und willig zur Unterstützung zum Aufbau einer alternativen Station!!!!!