Psychopharmaka – subjektiv erlebt

Franz-Josef Wagner
Manuskript für Kerbe 3/2009

Anhand meiner psychiatrischen Lebensphasen – Schockphase, Resignation und Gesundungsphase (Empowerment) – und der bio-psycho-sozialen Heuristik versuche ich, aus der 20 Jahren andauernden pathologischen Diagnosen, meine subjektiven Gefühle (Lebensqualität) und Wirkungen der Psychopharmaka zu beschreiben.

  • Psychopharmaka in der Schockphase

Nach einer richterlichen Einweisung erhielt ich erstmals Psychopharmaka in einem Landeskrankenhaus verordnet. Eine Aufklärung über die sogenannten Nebenwirkungen der Neuroleptika der ersten Generation wurde mir weder angeboten noch hätte ich dieses Ausmaß an bio-psych-sozialer Veränderung je erahnen noch verstehen können. Nach der stationären und teilstationären Behandlung und dem Versuch auf dem ersten Arbeitsmarkt meinen erneuten Platz zu finden, habe ich die Neuroleptika ohne Probleme abgesetzt.

  • Biologische Wirkung

Ausser einer starken motorischen Verlangsamung habe ich keine wesentliche biologische Wirkung verspürt. Zu dieser Zeit benötigte ich eine Brille wegen der Einschränkungen beim Wechsel von Fern- auf Nahsicht – ich sah einen nicht bewiesenen Zusammenhang zu den Neuroleptika. Eine Veränderung der Neurotransmitter (Botenstoffe) kann ich heute nachvollziehen, da ich seit jenem Zeitpunkt der Neuroleptikaverabreichung meine ausgeprägte Lebensfreude nicht mehr spürte – ich war körperlich und sozial anwesend, jedoch fehlte mir jede emotionale Bindung zum Gespräch und zur gegebenen Situation, was auch in den nicht erfolgreichen Bewerbungsgesprächen zum Ausdruck kam.

  • Soziale Wirkung

Die wesentliche soziale Veränderung in dieser Phase war, die bis dato Freunde haben sich abgewandt, Scheidung, Einschränkungen des Kontaktes mit den Kindern, Wohnungsverlust mit dem Umzug in die Region meiner Kindheit, außer den vorgegebenen therapeutischen Terminen wollte und habe ich keine privaten Termine wahrgenommen, extrem große Probleme in den privaten und beruflichen Gesprächen dynamisch zu wirken usw. Diese Wirkung führe ich sowohl auf die diskriminierende Wirkung des Krankheitsbegriffs zurück als auch auf die persönlichkeitsverändernde und durch die motorischen Entstellungen sozial stigmatisierende Wirkung der Neuroleptika.

  • Emotionale Wirkung

Emotional fühlte ich mich sehr unwohl durch die motorische Veränderung, ich hatte aber das Bedürfnis weiter Karriere in der freien Wirtschaft zu machen. Mehrere Bewerbungen führten mich schließlich mit erheblichen finanziellen- und Verantwortungseinschränkungen zu einem Kleinstunternehmen der Region aus meiner Kindheit, die meine nicht ganz aufrichtige Erklärung der zweijährigen Ausfallzeit akzeptierte. Ich fühlte mich wieder in der Arbeitswelt aufgenommen, setzte trotz ambulanter Behandlung meine Neuroleptika ab und bewarb mich zu einer Ausbildung in einem Staatsunternehmen. Das Vorstellungsgespräch und auch die Arbeit im Staatsunternehmen waren wieder erfolgreich, wie früher vor der Neuroleptikaphase.

  • Psychopharmaka in der Resignationsphase

Die zweite Phase der Psychopharmakabehandlung begann abermals nach einer traumatischen, verdeckten Transaktion, die ich nicht hinnehmen wollte und die eine schizophrene Situation bei mir verursachte. Unfreiwillig bekam ich Psychopharmaka als Therapie, ohne mit mir das Trauma zu besprechen oder mich zu verstehen zu versuchen. Nach einer sechswöchigen stationären Behandlung im Landeskrankenhaus war ich fast 12 Monate in einer tagesklinischen Behandlung, bevor ich als chronisch Kranker und unheilbar entlassen wurde.

  • Biologische Wirkung

In dieser Phase erhielt ich eine Vielzahl von Diagnosen sowie verschiedene Neuroleptika – kombiniert oder einzeln – der ersten und zweiten Generation, sowie Begleitmedikamente wie Antidepressiva und Phasenprophylaxe. Diese Zeit war geprägt durch viele Besuche der somatischen Mediziner – keiner konnte eine somatische Verbindung zu den Psychopharmaka herstellen. Meine Sinnesempfindungen, Riechen, Fühlen, Schmecken, Hören und Sehen, waren nur noch eingeschränkt vorhanden. Der bewusste Tag-Nacht-Rhythmus war nichtgegeben und somit ging auch kein Empfinden von Spannung und Entspannung einher. Mein Schlafen war traumlos – es war kein bewusstes oder unbewusstes, nächtliches Verarbeiten von Gefühlen, Situationen oder auch Gedanken vorhanden. Den Verlust der Kontrolle über meinen Stuhlgang empfand ich als schrecklich, ich fühlte mich in den Kleinkindzustand versetzt, weder behandelnde Psychiater noch somatische Ärzte interessierten sich dafür, obwohl sie dieses Symptom aus der Fachliteratur kennen müssten. Einzig bei den Heimbewohnern fand ich für diese unerwünschte Wirkung der Neuroleptika Verständnis. Zahnschmerzen am Morgen waren nicht erklärbar, bis meine Zahnärztin mir den Hinweis auf vermutlich neuroleptikabedingte nächtliche Verspannungen der Kieferhälften gab, sie verschrieb mir physikalische Massagen, die mein ambulanter Psychiater allerdings ablehnte. Der Alkoholgenuss bewirkte keine positive, berauschende und negative Wirkung, wie Katerkopfschmerzen. In dieser Zeit verspürte ich keine sommerliche Wärme und winterliche Kälte – ich konnte leicht bekleidet bei Minustemperaturen stundenlang auf dem Balkon sitzen oder bemantelt in der Sonne spazieren gehen. Ich fühlte mich chemisch lobotomisiert. Mein Blutbild zeigte viele Ungereimtheiten (wie z.B. Hinweise auf sich entwickelnde Fettleber) auf und das Belastungs-EKG hatte Werte wie die eines 70 jährigen Mannes – weniger als 200 Watt. Von 24 Stunden lag ich 22 Stunden im Bett und erfüllte alle Voraussetzungen eines Messies. Das Wasserlassen und der Stuhlgang waren neutral, farb- und geruchlos, als wäre meine Niere nicht zur Bildung von Urin in der Lage bzw. die Leber und Galle waren beeinträchtigt wie bei einer Gelbsucht, wenn dem Stuhl kein Gallenfarbstoff mehr beigefügt wird. Zu dieser Zeit verspürte ich emotional keine Veränderung durch die Variation der Medikament wie z.B. Dopamin-, Serotonin-, Noradrenalinwirkung usw..

  • Soziale Wirkung

Sozial habe ich mich aus dem 1. Arbeitsmarkt verabschiedet und meine Erwerbsunfähigkeitsrente eingereicht, nun erfuhr ich auch die Probleme, mich in  sozialen Beziehungen mit einem positiven Gefühl zu bewegen, ich flüchtete und zog mich angekleidet ins Bett zurück. Ich versuchte fremdbestimmt den sozialen Schein zu waren, was mir weder bei meinen schulpflichtigen Kindern noch in meiner Familie gelang. Teile meiner Familie haben mich bis heute isoliert und meine – damals neunjährige – Tochter zeigt mir mit der Postkarte (Himmelbett), was sie sah und spürte. Eine fachliche oder auch private, gesellschaftliche Kommunikation konnte ich nur sehr eindimensional führen, kein vernetztes, dynamisches, kreatives Denken oder Kombinieren war möglich, ich fühlte mich leer und hilflos in der Gesellschaft und mit meinem zeitweise suizidalen Wunsch. Was der Grund für die mangelhafte Körperpflege war, kann ich nicht nachvollziehen, jedoch war die Pflege in dieser Zeit mehr als mangelhaft und wird eine Folge durch die Psychopharmakaeinnahme gewesen sein.

  • Emotionale Wirkung

In verschiedenen Aufsätzen habe ich diese Zeit als „Emotionaler und sozialer Tod“ bezeichnet, das trifft diese Phase sehr genau, auch wird für diese Phase sehr oft die Bezeichnung „Zombie“ benutzt, auch das ist nachvollziehbar. Wie kann hier eine Emotionalität entstehen, wenn die Sinne nicht mehr vorhanden sind? Eine selbstbestimmte Entscheidung zu fällen war nicht gegeben, Vorschläge durch den Kommunikationspartner wurden „fachkundig“ angenommen – in dieser Zeit habe ich auch widerspruchslos eine gesetzliche Betreuung akzeptiert. Welches emotionale Tal ich durchmachte kann rational nicht erklärt werden, z.B. habe ich mir immerhin vorgenommen, ein guter Vater zu sein, und besuchte meine Kinder regelmäßig/unregelmäßig in der 250 km entfernten Stadt. Die Fahrt mit dem Auto zu den Kindern war emotional ein suizidaler Drahtseilakt – heute kann ich die Warnhinweise der Beipackzettel, zum Autofahren, nachvollziehen.

  • Psychopharmaka in der Gesundungsphase

Diese letzte psychiatrische Lebensphase wurde vor 13 Jahren durch die Karte meiner 9-jährigen Tochter eingeläutet. Die bis dato Minussymptomatik wurde langsam umgedreht zu einer Plussymptomatik. Diese Plussymptome und Auffälligkeiten führten zur plötzlichen Reduktion der Psychopharmaka auf Null und mehrfachen Zwangsbehandlung, mit dem Ergebnis der Diagnose „Schizoaffektive Psychose und eine querulatorische Persönlichkeitsstörung (Cluster C)“. In dieser Phase erfuhr ich auch die Hilflosigkeit der psychiatrischen Akademiker mit der willkürlichen Verordnung konventioneller und/oder atypischer Neuroleptika, sowie dem Hinweis durch die behandelnden Psychiater, einen anderen Psychiater zu konsultieren. Nach dieser Erfahrung und Erkenntnis übernahm ich Verantwortung für mein Leben und definierte meine primären und sekundären Therapieziele selbst. Teilweise erfolgte der fünfminütige Besuch beim Psychiater nur noch durch die Worte „Wie gehts“ und der Empfehlung neuer bzw. einer höheren Dosis Neuroleptika.

Seit 6 Jahren reduziere ich nun halbjährlich und eigenverantwortlich die Phasenprophylaxe und das atypisches Neuroleptikum in kleinen Schritten. Nachdem ich das Neuroleptikum in löslicher Form entdeckte, konnte ich noch feiner die halbjährige Reduzierung vornehmen, denn jede Reduktion führte mich zu erneuten Entzugssymptomen, die auch als Plussymptomatik beschrieben werden. Keiner der Mediziner hat mir den Übergang von der Akut- zur intermittierenden Langzeittherapie erklärt oder vorgestellt. Die in der medizinischen Wissenschaft geltende Behauptung: „Länger andauernde oder wiederholte psychotische Episoden sind mit hirnstrukturellen Veränderungen verbunden. Die Zeit bis zur Remission nimmt mit der Anzahl der Rückfälle zu“ (W. Gaebel in Peter Falkei, Frank-Gerald Pajonk) konnte ich nicht bestätigen. Regelmäßige, kurzintervallige, krisenabwehrende, psychosoziale Hilfen wie zeitnahe supportive Gespräche oder soziale und biologische Unterstützung halfen mir, Empowerment zu leben. (A. Knuf schreibt 2006 dazu: „Die wichtigen Schritt auf dem Weg zur Gesundung von Herrn Eh wurden durch sein soziales Umfeld ermöglicht, nicht in erster Linie durch psychiatrische Hilfeangebote“). 

  • Biologische Wirkung

Biologisch haben sich meine Blutwerte normalisiert ohne extreme Ausschläge, mein Belastungs-EKG erreicht eine Leistung von über 250 Watt – was eine Leistungssteigerung von über 25%, innerhalb von 10 Jahren, ist. Meine somatischen Mediziner haben mich seit Jahren nicht mehr gesehen und die zeitweise, zusätzliche Einnahme von Folsäure, B-Vitaminen und Bierhefe sowie die Ernährung mit regional biologischen Produkte haben meine Sinne geschärft, indem ich biologische Veränderungen im Körper empfinde und verspüre. Linke und rechte Gehirnhälften arbeiteten genussreich wieder gemeinsam – ich bin wieder strukturiert kreativ.

  • Soziale Wirkung

In private und öffentliche Kommunikationen gehe ich mittlerweile ohne Vorbereitung und kann die Interaktion zu meinen Gunsten gestalten. Ich spiele wieder mit den Transaktionsanalyse, um die Kommunikation in meinem Sinne zu beeinflussen. Von Andreas Knuf werde ich als Kollege bezeichnet. Seit Jahren arbeite ich in trialogischen, bundesweit aktiven Gremien mit und mit dem Gefühl von fachlicher und kommunikativer Akzeptanz.

  • Emotionale Wirkung

Anfangs war das neue emotionale Gefühl beängstigend, bis ich mir sagte: Ich spüre wieder positives und negatives und dann lebe ich wieder (meine sinusförmige Heuristik bestärkte mich in meiner Theorie der
Gefühlsschwankungen). 12 Jahre brauchte ich um das Gefühl von vor 20 Jahren wieder zu erspüren. Der Genuss und der Spaß am Kochen, an den Gerüchen und optischen Eindrücken der Natur, den kreativen Gedanken schöner Literatur, gute engagierte Präsentationen von optischer, sprachlicher und rythmischer Kunst, die Gelassenheit für meine Erfüllung der Tagesaufgaben und dem positiven Gefühl, das Erreichte optimiert zu haben, ermöglichen mir ein genüssliches Leben. Mein Körper erfährt und erarbeitet sich immer mehr Resilienz (Widerstandskraft).

  • Fazit

Die Bio-psycho-soziale Betrachtung meiner Psychopharmakaeinnahme ist kein generelles Argument für oder gegen eine pharmakologische Behandlung von Psychosen. Vielmehr sollte es ein Plädoyer für den sensibleren Umgang mit dem in seiner Persönlichkeit jeweils individuell, einzigartigen pathologisch diagnostizierten Menschen sein, dessen psychische Probleme in einer bestimmten Situation nicht auf eine bloße Diagnose oder die Annahme eines gestörten Stoffwechselprozesses reduziert werden können (wer weitere Erfahrungsbericht der Psychopharmakawirkung lesen möchte, den verweise ich auf über 30 Autoren in Peter Lehmann: „Psychopharmaka absetzen“). So schreibt L. Ciompi: „Das letzte, in gewissem Sinn vielleicht schwächste und zugleich stärkste Argument zu Gunsten der Artfaktthese, das wir anführen möchten, ist negativer Art: Trotz gut ¾ Jahrhunderten intensivster Forschung in allen Richtungen ist es bisher nicht gelungen, irgendwelche somatischen, biochemischen oder sonst wie organischen Grundlagen eines chronischen „schizophrenen Krankheitsprozesses“ nachzuweisen.“. Auf diese fachliche Diskussion möchte ich mich nicht einlassen, jedoch kann ich die Aussagen von Meyer und Franz zu meiner aktuellen Lebensqualität bestätigen: Mehr soziale Kontakte und Freizeitaktivitäten, ich habe jetzt Vorstellungen über die eigene Lebensqualität, intensiverer emotionaler Kontakt zum Rest meiner Familie, genieße die ehrenamtliche Arbeit, Wohn-, Lebensumwelt und Natur. Der zwischenzeitliche Verlust der Lebensqualität führe ich heute auf die Psychopharmaka zurück.
 

Literatur:

Peter Falkai, Frank-Gerald Pajonk; Psychotische Störungen; Stuttgart 2003.

Andreas Knuf; Empowerment in der psychiatrischen Arbeit; Bonn 2006

Michaela Amering, Margit Schmolke; Recovery. Das Ende der Unheilbarkeit Bonn 2007

Peter Lehmann, Der chemische Knebel - Warum Psychiater Neuroleptika verabreichen, Nachdruck der Erstausgabe von 1986, Berlin 2005

Peter Lehmann, Psychopharmaka absetzen, 3., aktualisierte Auflage, Berlin 2008.

L. Ciompi; Ist die chronische Schizophrenie ein Artefakt?- Argumente und Gegenargumente In:Fortschr. Neurol. Psychiat. 48 (1980) 237-248

T. Meyer, M. Franz; Vorstellungen von schizophren Erkrankten über Lebensqualität In: Gesundheitswesen 67 (2005) 120 – 123

Franz-Josef Wagner
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