Vorteile Persönlicher Budgets – Erfahrungsbericht
Franz-Josef Wagner
Vortrag anlässlich der ApK Tagung: Kooperation und Verantwortung in der Gemeindepsychiatrie am 3./4.11.2008 in Kassel
Meinen Beitrag zu den Vorteilen des Persönlichen Budgets werde ich mit Hilfe meiner psychiatrischen Vita als Erfahrungsbericht darstellen.
Nach unzähligen Zwangseinweisungen in 14 Jahren, gesetzlicher Betreuung und vier Jahre tiefer Depression (Phase der Resignation) habe ich langsam Selbstbefähigung (Empowerment) in der Gesundungsphase entwickelt und kann heute meine Gesundung (Recovery) leben.
Sechs Jahre nach der ersten Zwangseinweisung erfuhr ich von einer Selbsthilfebewegung, die sich als Bundesverband gründete. Ich fand diese visionäre Bewegung 1995 toll und gründete mit einigen Freunden eine Selbsthilfegruppe. Kurze Zeit nach dem ersten Treffen kam schon eine Einladung aus Mainz zum Eruieren von Interessenten für die Gründung eines Landesverbandes. Seit Gründung bin ich Vorstandsmitglied und seit 1998 Vorsitzender des LVPE Rheinland-Pfalz e.V.
Wesentlich zur Gesundung von der Diagnose Schizophrenie trug die Aktivierung und der gezielte Einsatz meiner äußeren Ressourcen (soziale Kontakte und finanzielle sowie logistische Möglichkeiten) und inneren Ressourcen (soziale und intellektuelle Fähigkeiten sowie persönliche Eigenschaften) bei. Da aber meine Persönlichkeit keine Spannung und Schwingung mehr hatte, (Patricia E. Deegan sagte 1995 am Massachusetts State House dazu: „Während dieser Zeit versuchten Leute, mich zu motivieren. Ich erinnere mich an Leute, die versuchten, mich zur Teilnahme beim Einkaufen am Mittwoch zu bringen oder zur Mithilfe beim Brotbacken oder zu einer Bootsfahrt. Aber nichts von all dem berührte oder bewegte mich oder ging mich etwas an. Ich hatte aufgegeben. Aufzugeben war eine Lösung für mich. Meine „Motivationslosigkeit“ wurde als Problem gesehen von den Leuten, die mit mir arbeiteten. Aber für mich war aufzugeben kein Problem, sondern eine Lösung. Es war eine Lösung, weil es mich davor schützte, irgendwas zu wollen. Wenn ich nichts wollte, konnte man mir auch nichts wegnehmen. Wenn ich nichts versuchte, musste ich auch keinen weiteren Fehlschlag durch machen. Wenn mir alles egal war, konnte mich nichts mehr verletzen. Mein Herz war hart. Die Jahre kamen und gingen und es war mir egal. Ferien kamen und gingen und es war mir egal. Meine Freunde gingen an die Hochschule und begannen ein neues Leben und es war mir egal. Ich erinnere mich, das ich sass und rauchte und fast nichts sagte. Und so bald die Uhr 20 anzeigte, erinnere ich mich, dass ich meine Freundin im Satz unterbrach, sie heim schickte, weil ich ins Bett ging. Ohne auch nur adieu zu sagen, ging ich zu Bett“ - Zitiert aus Gesundung als Reise des Herzens, Broschüre des LVPE Rheinland-Pfalz e.V. Herausgegeben 2008), versuchte ich mich mit Hilfe meines rudimentären Intellektes auf das zu konzentrieren was mir vor der Diagnose, Schizophrenie, Spaß machte. Edward M. Podvoll führt hier die Bezeichnung ein: „Der “zweite Zustand“ wird zu einem Kampf ums Überleben“.
Peter Weimann, der das StaPE (Das Saarländische Tageszentrum Psychiatrie Erfahrener für selbstbestimmte Alltagsgestaltung) aufgebaut hat, schreib in Pro Mente Sana 1/2008: „Um mit solchen Erlebnissen einigermassen überleben zu können war meine Reaktion in den 90er Jahren, das Geschehene von mir abzuspalten, zu erstarren. Liebevolle Beziehungen zum Leben, zu Menschen, waren nicht möglich. Mein davor lebhaftes sexuelle Interesse am anderen Geschlecht ging gegen Null, ebenso dasjenige an anderen alten Leidenschaften wie Fußball, Musik, Literatur und Politik. Ich verbrachte viel Zeit im Bett, sah viel fern, rauchte viele Zigaretten und trank viele Biere. Im Traum wurde ich manchmal in die Psychiatrie gebracht und misshandelt, aber nie so drastisch wie in der Wirklichkeit“. Heute ist Peter Weimann Vater einer Tochter und im Vaterschaftsurlaub.
Ich erinnerte mich an das Kochen und Saunieren. Anfangs war ich weniger als 5 Minuten im geschlossenen Bereich der Sauna – es zog mich nach Außen in die Freiheit. Trotzdem wiederholte ich wöchentlich diese Aktivität und stellte nach mehreren Monaten fest, dass ich mich schon längere Zeit (10 Minuten) im Saunabereich aufhalten konnte. Edward M. Podvoll schreibt dazu: „Dieses Erwachen des Mitleids war ein großes Ereignis, eine Art Quantensprung in Percevals Genesung von der Psychose“. (John Thomas Perceval – Sohn des ermordeten Premierministers Georg III – gilt als erster psychiatrieerfahrener Reformer der Psychiatrie). Das waren erste Erfolgserlebnisse. Zur gleichen Zeit eröffnete die Tagesstätte für psychisch kranke Menschen (niederschwelliges Angebot), der Besuch der Tagestätte fand ich langweilig, jedoch wollte ich meinem Leben wieder einen Sinn geben und engagierte mich beim Kochen. Ich begeisterte mich für die Aufgabe „Einkaufen“ (Patricia E. Deegan schreibt dazu „Etwas, woran ich mich erinnern kann ist, dass die Leute um mich herum mich nicht aufgaben. Sie hörten nicht auf damit, mich einzuladen. Dinge zu tun. Ich erinnere mich an einen Tag, an dem ich ohne bestimmten Grund `ja´ sagte zur Aufforderung, beim Lebensmitteleinkauf zu helfen. Ich stiess nur den Einkaufswagen, mehr wollte ich nicht tun. Aber das war ein Anfang. Und wirklich entdeckte ich mit kleinen Schritten wie diesem, dass ich Stellung beziehen konnte gegen das, was mir nicht gut tat.“ - Zitiert aus Gesundung als Reise des Herzens, Broschüre des LVPE Rheinland-Pfalz e.V. Herausgegeben 2008). Leider kam ich schon bei den ersten Lebensmitteleinkäufen an meine Grenzen. Ich hatte mir notiert: 750 gr. Reis. Reis lag im Regal als lose und gebeutelte Ware und dann noch in 500 gr. und 1 kg. Verpackung – können Sie sich vorstellen was bei mir los war? Ich konnte mich nicht entscheiden und wollte zurück in die Tagesstätte und um Hilfe und Rat fragen. Nur waren die äußeren Ressourcen schwieriger zu aktivieren als die Aktivierung des Schweinehunds, die inneren Ressourcen. Nach 15 Minuten vor dem Regal und der Überlegung was ich machen soll, hatte ich mich entschieden – die inneren Ressourcen hatten gesiegt. Für normale, nicht depressive Menschen ist eine solche Entscheidung eine kleine Routine und es Bedarf keiner ausführlichen Überlegungen und Entscheidungsprozesse. 10 Jahre nach diesen Erlebnissen machte mir das Saunieren und Kochen sehr viel Spaß.

Abbildung 1
Ein weiterer Meilenstein, nach weiteren sechs Jahren, meiner aktuellen Aktivitäten war das Bewusstwerden des Bio-psycho-sozialen Modells. Subjektives Erleben, soziales Verhalten und der biologische Bereich bestimmen über mein Empfinden zwischen Manie und Depression.

Abbildung 2
Diese drei Sinuskurven erhalten dann eine Bedeutung, wenn die Resultierende „Persönlichkeit“ in Orientierung (Veränderung/Störung wird wahrgenommen), Alarmreaktion (Energie- und Handlungsreserven werden aktiviert), Widerstandsphase (Störung bleibt, Körper bleibt angespannt bis zur Lösung des Problems) oder Erschöpfungsphase (Schädlich wird es für den Körper, wenn wir uns nicht an die Störung gewöhnen können oder sogar neu gefordert werden, bevor wir erholt sind), Entspannung (Körperliche Aktivität, Hobbys, Freunde) und Regeneration (Kraft schöpfen für neue Herausforderungen) eingeteilt wird.

Mit dem Bewusstwerden dieser meiner Einteilung in den subjektiven, sozialen und biologischen Bereich konnte ich immer mehr und stärker Empfindungen wahrnehmen. Frühzeitig nehme ich nun in der „Orientierungsphase“ biologische, soziale und psychische Veränderungen war und bemerke im „Alarmbereich“ die Frühwarnzeichen wie: Verschiebung des Wach- & Schlafrythmuses, Schlaflosigkeit, kein Durst, gesteigerter Hunger, Appetitlosigkeit, verlangsamt, unkoordiniert, hektisch usw. Bemerken dann auch noch meine Freunde und/oder die Mitarbeiter des Persönlichen Budgets: Veränderung der Augen wie glänzend, flackernd, unruhig, trübe, verschleiert oder/als auch bleiches, fahles Aussehen, aufgedunsen oder/und Augenringe, so gehe ich von einer verstärkten Korrelation meiner und der fremden Eindrücke aus, die meine Energie Richtung „Erschöpfungszustand“ beobachten. Das machte mir aber keine Panik und führte mich nicht wie üblich in die stationäre Psychiatrie, sondern forderte mich zu Gegenmaßnahmen (Aktivierung von Handlungsreserven). Hier hatte das Persönliche Budget für mich die wesentliche Bedeutung. Durch die regelmäßigen, wöchentlichen Kontakte des Mitarbeiters des Persönlichen Budgets, konnte ich alle Empfindungen in der Orientierung mit dem Mitarbeiter reflektieren, bewerten und eventuell einen Widerstand organisieren, der Widerstand verhinderte dann eine Erschöpfung. Oft blieb es nicht bei wöchentlichen, supportiven Gesprächen, ein plötzliches Eingreifen mittels Begleitung zu Behördengesprächen war dann notwendig, wenn ich resignierte. So hatten wir viele meiner Probleme, die durch die stigmatisierende Diagnose „Schizophrenie“ und meine offizielle Arbeit für die Psychiatrie Erfahrenen entstanden, durch die aktive Begleitung und die persönliche Unterstützung durch den Mitarbeiter des Persönlichen Budgets entkräften können. Ein weiteres, wesentliches, positives Element des Persönlichen Budgets war für mich die Erreichbarkeit (Krisendienst): Hatte ich unerwartet und plötzlich Probleme mit meinem sozialen, ehrenamtlichen und privaten Umfeld konnte ich fast zu jeder Zeit einen Mitarbeiter des Budgets kurzfristig ansprechen. Mit supportiven Gesprächen, gemeinsamer Aktivität bei der Wohnungsgenossenschaft, im Gesundheitsamt, beim Ordnungsamt, beim Mieterverein, in der Stadtverwaltung usw. und der Diskussion über meine aktuelle medikamentöse Einstellung haben wir viele Alarmsituationen überstanden und es nicht zu Erschöpfungsphasen eskalieren lassen. In der gleichen Zeit haben sich meine Besuche zu den Ärzten der somatischen Medizin auf Null reduziert und meine Werte des Belastungs-EKGs sind um über 25% besser geworden.
Meine persönlichen Erfahrungen als Budgetnehmer führen dann auch zu folgenden Kriterien eines positiven Persönlichen Budgets.
• Feste Ansprechpartner
• Zielvereinbarung mit Berücksichtigung der Eigenständigkeit
• Beratung und Reflexion der Aktivitäten
• Ansprechbarkeit und Verfügbarkeit
• Zeit
• Anpassung der Aktivitäten an unsere Wünsche
• Interdisziplinärer Informationsfluß
Andreas Knuf, der mich seit 16 Jahren begleitet, schreibt in seinem Buch „Empowerment in der psychiatrischen Arbeit“: „Noch heute treffe ich Herrn Eh immer wieder auf Veranstaltungen, wir sind längst Kollegen geworden“... „Die wichtigen Schritte auf dem Weg zur Gesundung von Herrn Eh wurden durch sein soziales Umfeld ermöglicht, nicht in erster Linie durch psychiatrische Hilfeangebote“.
Ich bezeichne meinen ambivalenten Zustand wie John Custance es beschreibt: „Ein Gewitter ist vorübergezogen. Jetzt umgibt mich ein milder Abend. Die Wiese vor meinem Fenster leuchtet gelbgrün und bringt die Schönheit des Sonnenuntergangs erst richtig zur Geltung. Auf der Wiese spazieren ein Fasan und eine Fasanenhenne. Sie verkörpern für mich eine Einheit des >Positiven< und >Negativen< in einem in sich abgeschlossenem Ganzen, dessen Augenblick mein Herz immer noch in Brand setzt. Aber statt mich zu beklagen, sollte ich lieber dankbar dafür sein, dass ich einen Blick auf dieses alles habe werfen dürfen.“ – Zitiert nach Edward M. Podvoll.
Ausgewählte Literatur:
Perceval, J.T. (1838). A narrative of the treatment experienced by a gentleman, during a state of mental derangement. London, Wilson
Custance John, Adventure into the Unconscious (London: Christopher Johnson 1954)
Wagner Franz-Josef. Verhandeln statt Behandeln – Partnerschaft im psychiatrischen Alltag In: 25 Jahre Psychiatrie-Enquete (Hrsg) 2001 Band 1; 128 – 150
Schmitt-Schäfer Thomas. Entwicklung der Eingliederungshilfe im Landkreis Bernkastel-Wittlich. Der Landkreis 2004; 7: 481 – 484
Wagner Franz-Josef. Personenzentrierte Hilfen aus Sicht von Betroffenen In: Kerbe 2004; 4:
19 – 2
Podvoll Edward M. (2004) Aus Entrückten Welten – Psychosen verstehen und behandeln, Kreuzlingen/München
Speicher Joachim. Mit Persönlichem Budget nach Mallorca. In: neue Caritas 2005; 20: 12 – 16
Wagner Franz-Josef. Das persönliche Budget – Weg oder Irrweg? In: Psych. Pflege Heute 2005; 11: 183 – 186
Knuf Andreas, Wie werden psychisch kranke Menschen wieder gesund? In: pro mente sana aktuell 2005; 1; 26-27
Wagner Franz-Josef. Das Persönliche Budget – eine Pandora für wen? In: Psych. Pflege Heute 2006; 12: 276-279
Knuf Andreas. (2006) Basiswissen: Empowerment in der psychiatrischen Arbeit, Bonn
Bericht der Bundesregierung über die Ausführungen der Leistungen des Persönlichen Budgets nach § 17 des Neunten Buches Sozialgesetzbuch (SGB IX), Berlin 2006
DAK-BGW Gesundheitsreport 2006. Ambulante Pflege. Arbeitsbedingungen und Gesundheit in ambulanten Pflegediensten
Elgeti Hermann. Die Wege zur regionalen Psychiatrieberichterstattung sind lang. Ein Werkstattbericht aus Hannover über die Jahre 1997-2005. In der Dokumentation zur „Ambulante Versorgung in der Existenzkrise“ vom 15.-17. November 2006 in Reburg-Loccum
Michaela Amering, Margit Schmolke (2007) Recovery – Das Ende der Unheilbarkeit, Bonn
Wagner Franz-Josef, „Unheilbar krank“ – nein danke! Wege aus einem Diagnose-Trauma In Soziale Psychiatrie 2007; 3: 21 – 22
Wagner Franz-Josef, Besser Reintegration mithilfe der Persönlichen Budgets und ambulanter psychiatrischer Pflege; In: Psych. Pflege Heute 2007; 3; 120-124
Wagner Franz-Josef, Wie konnte ich wieder selbst bestimmt leben? In Kerbe 2008, 1, 11-12
Weimann Peter, Gewalt, Zwang und Demütigung: Psychiatrie als Trauma, Pro Mente Sana 2008, 1, 22 – 23
Saturn Petra, Viele Jahre hatte die Seele keine Sprache und doch hat alles seinen Sinn, Psychosoziale Umschau, 2008, 2, 39 – 40
Huck Gerhard, Salutogenese, Empowerment, Recovery – neue Reizworte für die Psychiatrie? Psych. Pflege Heute 2008, 2, 64 - 71
Dahm-Mory Claudia, Basiswissen Kommunikation – Kommunikationstechniken im Umgang mit Betroffenen In: Mit psychisch Kranken leben – Rat und Hilfe für Angehörige (Neuaulage 2008), Bonn; 157 - 188
Patricia E. Deegan, Gesundung als Reise des Herzens In: Broschüre das LVPE Rheinland-Pfalz e.V. „Gesundung als Reise des Herzens“ 2008 und www.lvpe-rlp.de
Kalle Pehe, Ikarus fliegt wieder – Neuorganisation nach seelischen Krisen ist möglich, Kerbe 2008, 3, 27-29
Wagner Franz-Josef, Leben mit Schizophrenie, In Psych. Pflege Heute 2008, 4, 198 - 200