Warum hat die Gemeindepsychiatrie eine große Zukunft?

Franz-Josef Wagner

Mit dem Landesgesetz für psychisch kranke Menschen (PsychKG), das zum 1. Januar 1996 in Kraft trat, verfolgt die Landesregierung in Rheinland-Pfalz das Ziel, in Kooperation mit den Landkreisen, kreisfreien Städten sowie freien und privaten Trägern der Wohlfahrtspflege umfassende psychiatrische gemeindenahe Versorgungsstrukturen aufzubauen. Durch die Koordination zwischen den verschiedenen Trägern sollen regionale Versorgungsbünde entstehen, damit für psychisch kranke Menschen verbindliche Hilfen vor Ort entstehen können, die ihnen ermöglichen, ein selbständiges Leben in ihrem sozialen Umfeld zu führen.

    1) Teilhabe am Leben in der Gesellschaft ist unabdingbar zur psychischen   Gesundung

Unterstützung für psychisch kranke Menschen dort zu erbringen, wo sie sind, und nicht die Menschen dorthin zu bringen (Heim auf der grünen Wiese), wo es die Institutionen mit Angeboten gibt. Mit Hilfe des individuellen Hilfeplanverfahrens hat die Landesregierung ein Instrument geschaffen zur Einschätzung des individuellen Unterstützungsbedarfs psychisch kranker Menschen. Dieses Instrument in Verbindung mit dem Persönlichen Budget hat Rheinland-Pfalz weltweit zum Vorreiter ambulanter Leistungen gemacht.

Das seit 2004 landesweit eingeführte Persönliche Budget hilft psychisch krank diagnostizierten Menschen finanziell u.a. beim Aufbau sozialer Kontakte mit nicht psychisch kranken Menschen. Wir können uns mit dem Budget selbstbestimmte Hilfen bei der Haushaltsführung, Hilfen in Form von entlastenden Gesprächen beziehungsweise zur Erarbeitung von Konfliktstrategien, Hilfen bei Behördengängen und Geldangelegenheiten, Hilfen beim Knüpfen sozialer Kontakte, Hilfe bei der Tagesstrukturierung sowie Hilfen bei der Orientierung im Umfeld einkaufen. Nach der Modellphase von zwei Jahren lag die Zufriedenheit der 365 Budgetempfänger bei über 80%. Ähnliche Ergebnisse brachten andere Evaluationen zum Persönlichen Budget.

    2) Visionäre Betrachtung der Gemeindepsychiatrie

Bisher besteht die rehabilitative Behandlung psychisch krank diagnostizierter Menschen reduziert auf die speziellen Zuständigkeiten der Rehabilitationsträger, dadurch kommt es zu isolierten konträren oder auch zur doppelten somatischen und psychischen Behandlung. Wir können uns gut präventive, supportive, umfangreiche ambulante Unterstützung statt rehabilitative stationäre Behandlung vorstellen. Durch die finanzielle Unterstützung mit dem Persönlichen Budget und der logistischen, moralischen und idealistischen Unterstützung durch die Leistungserbringer kann eine Vielzahl von vernetzten gemeindenahen Leistungen wahrgenommen werden.

Dabei ist es von großer Bedeutung, dass alle Beteiligten das hauptsächliche Augenmerk auf den Gesundungsweg legen – Salutogenese. Mit einer globalen Orientierung von Salutogenese wird die Stimuli gefördert, die das Ausmaß der Gesundung ist.

Im Einzelnen:

  • der psychisch krank diagnostizierten Menschen darf seine Hoffnung auf eine positive Veränderung nicht aufgeben
  • es bedarf einer sinnvollen Beschäftigung zur Tagesstrukturierung des psychisch krank diagnostizierten Menschen
  • Gesundung hat nichts mit hilfloser Psychopharmakagabe zu tun
  • Bewältigung der Stigmatisierung der Diagnose

Somit ist Salutogenese wesentlich für die weitere positive Entwicklung der Gemeindepsychiatrie und ihrer visionären Leistungen. Schon heute sind bei einzelnen Leistungserbringern über 10% Selbstzahler der gemeindenahen Angebote.

    3) Fazit

Nicht in erster Linie psychiatrische Hilfsangebote, sondern das soziale Umfeld sind die wichtigen Schritte auf dem Weg zur Gesundung der psychisch krank diagnostizierten Menschen (vergleiche A. Knuf: „Empowerment in der psychiatrischen Arbeit“, Psychiatrie Verlag 2006). Diese monetäre Unterstützung durch die Eingliederungshilfe und Selbstzahler mit der sehr positiven Bewertung der Leistungen durch die Leistungsnehmer, bringt mich zur Aussage, dass die Gemeindepsychiatrie in Rheinland-Pfalz eine große Zukunft hat.