Wie konnte ich wieder SELBSTBESTMMT leben?

 Franz-Josef Wagner
Manuskript für Kerbe 1/2008

Nach meiner akademischen Ausbildung hatte ich sehr schnell finanziellen und beruflichen Erfolg in der freien Wirtschaft. Während einer Persönlichkeitsprüfung hatte ich eine, fürs Management und meine Persönlichkeitsentwicklung in der freien Wirtschaft, falsche Entscheidung getroffen.

Diese Entscheidung brachte den Absturz aus dem Management und deren finanziellen Exklusivität. In dieser Phase bekam ich die Diagnose von einem Psychiater „Schizophrenie“ – der mich nicht gesehen hatte und nur über die Schilderung meiner Frau meine Situation kannte. Meine Frau hatte so ein Wissen über die Diagnose wie: Das ist ein Virus und kann die Kinder – damals 6 Monate und 2,5 Jahre – anstecken. Folglich trennte sich meine Frau von mir, hielt die Kinder von mir fern und reichte die Scheidung, zum Schutz der Kinder, ein. In dieser Zeit waren keine Professionelle anwesend, die meine Frau, meine Angehörigen und mich über die pathologische Diagnose aufklärten. Mit Haldol, Zwangseinweisung, sechs Wochen richterlichem Beschluss, anschließender Tagesklinik, ohne psycho-soziale und medikamentöse Edukation, musste ich meinen Aufenthalt in Köln abbrechen und mir eine neue berufliche und private Existenz aufbauen. Diese „Schockphase“ dauerte 4 Jahre mit abermaligem beruflichen Absturz und Zwangseinweisung in die Psychiatrie und 12mon. Tagesklinikaufenthalt. Während dieser Zeit entwickelte ich viele suizidale Visionen und wurde schließlich als chronisch krank, mit weiteren suizidalen Vorstellungen, entlassen.

Jetzt hatte ich alles verloren: Beruf – wurde mit 37 Jahren frühberentet, meine Familie, mein soziales und berufliches Umfeld, meine Kommunikationspartner, meine Gesundheit – einfach alles. Nur ein psychiatrieerfahrener Mensch glaubte an mich und nahm mich in seine Wohnung auf. Vier Jahre lebte ich resignativ mit dieser Frau zusammen, ohne das sie mich merklich beeinflusste und die Profis (Psychiater) gaben mir nur Neuroleptika - ohne eine Aufklärung über aktuelle oder alternative Medikamente, Diagnose, alternativer Behandlung, Früh- und Spätdyskinesien - und Antidepressiva – Antidepressiva setzte ich auf Grund der Nebenwirkung sehr schnell ab. Die anderen Psychopharmaka musste ich aber wegen der Diagnose „Schizophrenie“ auf Befehl (Complianceforderung) der Ärzte nehmen, jedoch je nach Strömung der Pharmaindustrie immer wieder andere „BESSERE“ Psychopharmaka. Ich verbrachte 20-22 h des Tages im Bett und wünschte mir am Morgen den Abend und am Abend den Morgen. Schmeckte und genoss die Speisen und Getränke nicht mehr, empfand keine Lustgefühle, sah und benötigte keine pflegerische und haushaltswirtschaftliche Arbeit, überlegte warum ich das Messer aus der Schublade genommen habe, da ich das Messer so wie so wieder gebrauchen kann, konnte das Messer auch liegen bleiben. Die gleiche ungespülte Tasse und das Messer, die angebrochenen Speisen hätte ich wochenlang benutzt, wenn meine Lebensgefährtin nicht gespült und die Versorgung übernommen hätte. Abwechslung im Essen hätte es nicht gegeben, wenn meine psychiatrieerfahrene Lebensgefährtin nicht kreativ neue Speisen kochte und kaufte.

Die Entwicklung der Selbstbefähigung

Wesentlichen Einfluss auf die Gesundung hatte meine rudimentär-intellektuelle Fähigkeit: Ich verglich meine aktuelle Situation mit der vor der Krankheit und erinnerte mich an das genüssliche Saunieren und Kochen (innere Ressourcen) und beschloss die äußeren Ressourcen (soziale Kontakte) wieder zu aktivieren – ich hatte keine andere Wahl, da es keinen anderen Ausweg (das Licht am Ende des Tunnels) mehr gab.

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Zur gleichen Zeit erhielt ich diese Postkarte des Himmelbettes (Den kurzen Text habe ich des öfteren gelesen und betrachtet:„ Lieber Papa – Ich finde die Postkarte gut für Dich und ich wollte den Stift ausprobieren. Schön schreibe ich jetzt nicht das muss Du Dir merken“) von meiner damals 9jährigen Tochter- nach vier Jahren Resignation. Die Veränderung des sozialen Umfelds wie der Aufbau einer Selbsthilfegruppe, der Aufbau des niedrigschwelligen Angebotes „Tagesstätte“ mit der Kochgruppe, die leichten Motivationsversuche meiner Lebensgefährtin soziale Aktivitäten (Saunieren) zu suchen, mein innerer Schweinehund (die inneren Ressourcen), mein Intellekt usw. haben mich aus der Letargie (Resignation) bewegt. Ich quälte mich anfangs mit der Aufgabe, das „Einkaufen“ zu übernehmen! So erreichte ich auch schon bei den ersten Lebensmitteleinkäufen meine Grenzen. Ich hatte mir notiert 750 gr. Reis. Reis lag im Regal als lose und gebeutelte Ware und dann noch in 500 gr. und 1 kg. Verpackung – können Sie sich vorstellen was bei mir los war? Ich konnte mich nicht entscheiden und wollte zurück in die Tagesstätte und um Hilfe und Rat fragen. Nach ca. 15 Minuten hatten meine inneren Ressourcen (Entscheidung zu treffen) über meine äußeren Ressourcen (Nachfrage in der Tagestätte) gesiegt. Solche einfachen Routinen musste ich laufend und immer wieder neu erlernen und kognitiv verarbeiten.

Innerhalb von 2 Jahren ging ich plötzlich regelmäßig einmal pro Woche Kochen, Saunieren – zuerst für 5 Minuten im Saunabereich und nach einem halben Jahr 10 Minuten  - und zweimal pro Monat in die Selbsthilfegruppe. Ich war plötzlich in Gremien wie Vorstand des Landesverbands und Bundesverbands Psychiatrie Erfahrener, bekam Kontakt zu der Literatur von Peter Lehmanns Antipsychiatrie Verlag, erlebte Menschen mit der Diagnose „Schizophrenie“, die andere Medikamente oder gar keine Medikamente einnahmen, erlebte Menschen auf den Mitgliederversammlungen des Bundesverbandes Psychiatrie Erfahrener mit vielen anderen Diagnosen, erlebte Dorothea Buck beim Erzählen ihrer Erfahrungen aus dem 3. Reich und die Folgen daraus – es war auf einmal eine andere mir sehr nahe Welt. Nun begann ich mich mit anderer kritischer Literatur – als die von der Ärzteschaft und Pharmaindustrie herausgegeben – zu beschäftigen. Ich setzte die Medikamente plötzlich, innerhalb eines Tages, ab und fand mich, nach Wochen; wieder mit PsychKG in der Klinik. Der Höhepunkt war in einem Jahr, vier PsychKGs. Keiner glaubte mehr an mich – nur ich hatte den Virus der Antipsychiatrie aufgenommen und verstanden. In dieser Zeit wurde ich mit Hausverbot aus der stationären Psychiatrie geschmissen, bekam die Diagnose „Schizoaffektive Psychose und eine querulantische Persönlichkeitsstörung“, wurde eine halbe Stunde nach dem Rausschmiss aus der Psychiatrie vom gleichen Oberarzt mit PsychKG, für 6 Wochen, wieder aufgenommen und erlebte noch weitere Kuriositäten in der Behandlung und Diagnose meiner „Anormalitäten“.

Wie: Ablehnung meiner psychiatrischen Behandlung durch die ambulanten Ärzte und Institutsambulanz, acht Polizisten transportierten mich mit dem Bett aus der Inneren Abteilung eines Krankenhauses für 24 Stunden in die Psychiatrie, holten mich wieder ab, steckten mich für weitere 36 Stunden in die Ausnüchterungszelle der Polizeistation und brachten mich in eine andere Psychiatrie als auch ein Arbeitgeber der eigentlich Schwarzarbeit bekämpfte, wollte mich – da ich unangemeldet bei ihm arbeitete – entlassen und lies mich per Gericht zwangsbegutachten.

Eine weitere positive Fügung für mich war die Einführung des Persönlichen Budgets 1998 in Rheinland-Pfalz, durch den Minister Florian Gerster. Mittels des Persönlichen Budgets erhielt ich nun wöchentlich für 120 Minuten vom Sozialarbeiter bzw. Psychologen - und nicht quartalsmäßig für 15 Minuten vom Psychiater – meine supportiv-psychologischen Gespräche und die hauswirtschaftliche Unterstützung. Ich achtete in Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern im Persönlichen Budget nun auf Frühwarnzeichen in der Alarmphase meiner Befindlichkeit wie: Veränderung im Denken und Sprechen, Veränderung im sozialen Leben, Veränderung im Verhalten, Veränderung der Gefühle und Empfindungen, körperlich-vegetative Anzeichen usw. Wir diskutierten einzelne erlebte Situationen mit dem Vergleich weiterer körperlich-vegetativer Anzeichen, verglichen die Anzeichen mit den Erkenntnissen aus der Erfahrung mit anderen Psychiatrie Erfahrenen und entschieden über Maßnahmen des weiteren Vorgehens.

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Im Laufe der Zeit wurden meine sensibeln Wahrnehmungen immer weniger – ich habe weniger Alarmreaktionen war genommen und erfuhr immer natürlicher die Widerstandsphase (Störung bleibt, Körper bleibt angespannt bis zur Lösung des Problems). Ich entspannte mich mit Saunieren, Kochen, Wandern, usw. und schöpfte immer mehr Kraft für neue Herausforderungen.

Heute setze ich meine persönlichen Fähigkeiten im gesundheitspolitischen und sozialen Bereich genussreich ein und Pflege mit meinen liebsten und engsten Angehörigen (wenige Freunde, Eltern und Kinder) eine gute ehrliche Kommunikation. Ich habe wieder Spaß im und am Leben, fahre genüsslich mit dem Fahrrad zu allen Terminen vor Ort, Scherze viel, benötige keine Höflichkeitsflosken, kann zu jederzeit ehrlich Argumentieren, kämpfe für dankbare Menschen, spüre die Ehrlichkeit emotional offener Menschen, benötige keine unehrlichen Partner und Partnerinnen, genieße morgens die vielfältigen Gerüche der Natur, bestaune und erfreue mich an den Sonnenauf- und Sonnenuntergängen und am sternenklarem Himmel in der Nacht, genieße die Ruhe und Stille meiner Wohnung und die Vielfalt der menschlichen Gerüche und Einfachheit kulinarischer Genüsse – habe einfach bewusst sehr viel emotionale Lebensqualität, ohne das große Geld aus der freien Wirtschaft.

Mittlerweile habe ich die Kraft Termine und Aktivitäten meiner körperlichen Situation ab oder zu sagen zu können.

Fazit:

Sechs bis acht Jahre nach  meinen ersten Bemühungen zur Selbstbefähigung erlebte ich Köhärenzgefühle: Die Fähigkeit, allgemeine Stressfaktoren und Probleme ordnen und nach ihrer Bedeutung bewerten zu können, das Gefühl von Handbarkeit der Probleme und auch genoss ich erstmals das Gefühl das eigene Leben als sinnvoll zu empfinden. Nach Antonovsky erfüllte ich nun mehr die Voraussetzung Gesundheit und Krankheit in einem Kontinuum zu empfinden und Salutogenese zu leben. Ich hatte mich durch die Unterstützung der „Antipsychiatrie“ von der Pathogenese gelöst und bewegte mich zwischen den beiden gegensätzlichen Polen Gesundheit und Krankheit. Über Empowerment konnte ich Recovery erreichen.

Mein Glück war die Entstehung einer Selbsthilfebewegung 1992 in Deutschland, die Zuneigung, Bindung an und die Liebe von meinen Kindern, die psychiatriepolitische Lage in Rheinland-Pfalz – speziell in meiner aktuellen Heimat -,  die Abweisung durch die Profis und die Entstehung einer Kultur außerhalb des traditionell ambulant-psychiatrischen Systems. Die Erfolge in den journalistischen Aktivitäten und der Gremienarbeit gaben mir immer mehr Selbstbewusstsein und stärkten mich in der antipsychiatrischen Bewegung.

 

Literatur:

Knuf Andreas. (2006) Basiswissen: Empowerment in der psychiatrischen Arbeit, Bonn

Wagner Franz-Josef;  „Unheilbar krank – nein danke“ – Wege aus einem Diagnose-Trauma; In: Soziale Psychiatrie,  3; 2007

Wagner Franz-Josef; Bessere Reintegration mithilfe der Persönlichen Budgets und ambulanter psychiatrischer Pflege; In: Psych. Pflege Heute, 3;2007

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          Franz-Josef Wagner